Skulptur Projekte versus Documenta: Flaniermeile versus Gemischtwaren-Showroom

Skulptur Projekte versus Documenta: Flaniermeile versus Gemischtwaren-Showroom

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In Deutschland ist der große Kunstsommer ausgebrochen. Sowohl die documenta in Kassel – die weltweit größte Kunstmesse der Welt – als auch die Skulptur Projekte in Münster haben am 10. Juni ihre Pforten geöffnet. Bis zum 17. September (Kassel) bzw. 1. Oktober (Münster) haben die ausgewiesenen oder selbsterklärten Kunstkenner aus Deutschland, Europa und der Welt die Gelegenheit zu erkunden, wo in puncto zeitgenössischer Kunst der Hammer hängt.

Dabei weichen beide Events in einigen Merkmalen deutlich voneinander ab. So treten die in Münster präsentierten Werke in einen immer spannenden und immer überraschenden Dialog mit den örtlichen Rahmenbedingungen, der Landschaft, der Historie, den Mythen oder den städtebaulichen Besonderheiten. In Kassel hingegen weisen die Skulpturen und Installationen keinerlei Beziehung zum Genius loci auf, die Hessenmetropole ist deshalb im Grunde genommen als Ausstellungsort austauschbar. Zudem: Finden die Skulptur Projekte vorwiegend im öffentlichen Raum stand, wirkt in Kassel die Überfülle der Kunstwerke zuweilen wie in die Ausstellungsgebäude hineingestopft.

Will man die Unterschiede auf die Spitze treiben – und ich als unrettbar eingefleischter Lokalpatriot darf das – kann man sagen: Während Kassel wie ein riesiger Gemischtwaren-Showroom wirkt, fühlt man sich in Münster wie auf einer Flaniermeile, bei der die Skulpturen aus dem hiesigen Boden emporgewachsen sind. Es ist diese konzeptionelle Eigenständigkeit, die die flirrende Vitalität der Münsterschen Ausstellung ausmacht und ihre eigentliche Überlebensgarantie ist.

Ich weiß, ich fange an zu schwärmen. Dabei sind nicht alle Menschen so begeistert. Im Gegenteil, zuweilen kühlen sie ihr Mütchen an den Kunstwerken. Das war schon 1977 so, als einige sich für links haltende Halbstarke die Billardkugeln von Claes Oldenburg in den See rollen wollten. Auch später kam es immer wie zu ikonoklastischen Tendenzen, deren Furor die gelbe Madonna (1987) und die Darstellung von Paul Wulf (2007) ebenso traf wie die sich am Brunnen tummelnden Nackedeis der diesjährigen Ausstellung.

Ist ja auch logisch. Die von Nicole Eisenman geschaffenen Figuren sind überdimensioniert, nicht wirklich als Weiblein oder Männlein zu erkennen und eigentlich auch nicht wirklich schön – also schön im Sinne von Gisele Bündchen, Adriana Lima & Co. Logisch, dass man da Hand anlegen muss und sich dabei auch noch als irgendwie irre kunstkritisch fühlen darf. Dabei übersehen diese Kunstanarchisten ganz deutlich, dass sie gerade mit ihrer ressentimentgesteuerten Tat gegen das Kunstwerk seine Wirkmächtigkeit anerkennen. Negation als Affirmation.

In diesem Sinne muss man jene Spitzbuben, die einige Flachbildschirme der Videoinstallation von Koki Tanaka haben mitgehen lassen, als die wahren Nihilisten anerkennen. Sie waren wirklich nur an den monetären Wert der Flatscreens interessiert. Das Kunstwerk ging ihnen wirklich am Arsch vorbei.