Der dicke Mister Hume spielt Billard

Der dicke Mister Hume spielt Billard

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Offensichtlich war er nicht gerade eine Zierde seiner Art, dieser David Hume. Das hatte mit seinem Körperumfang zu tun. So bedachte ihn ein Zeitgenosse mit einer nicht gerade schmeichelhaften Charakterisierung: „Sein Aussehen spottete jeder Physiognomik, und der Tüchtigste in dieser Wissenschaft würde nicht die mindeste Spur seiner Geisteskräfte in den nichtssagenden Gesichtszügen haben entdecken können. Sein Gesicht war breit und fett, sein Mund groß und von einfältigem Ausdruck. Die Augen waren leer und geistlos, und beim Anblick seiner Korpulenz hätte man eher glauben können, einen Schildkröten essenden Ratsherrn als einen kultivierten Philosophen vor sich zu sehen.“ Instinktiv sucht man nach Gründen: Warum lässt sich ein Mensch so über einen anderen aus? War hier ein Wutbürger am Werk, der seine Mitmenschen abwertet, um sich zu erhöhen? Ach wo, weit gefehlt. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hat, war kein Neider, sondern ein – so hört man – Bewunderer des schottischen Schwergewichts. Und zu diesem sollten noch viele weitere hinzukommen. Einmal hielt Hume sich in Paris auf, dem Zentrum der europäischen Aufklärung. Und siehe da, mit einem Male war er zum philosophischen Superstar aufgestiegen und nicht mehr nur beleibt, sondern auch beliebt. Besonders bei dem schönen Geschlecht. Der deutsche Schriftsteller Friedrich Melchior Baron von Grimm berichtet: „Die Damen rissen sich förmlich um den ungefügen Schotten.“ Ein anderer Beobachter erzählt, man „habe in der Oper seine breiten Züge gewöhnlich zwischen den lächelnden Gesichtern junger Damen gesehen.“ Und wieder fragen wir nach Gründen: Warum hatte dieser Mensch eigentlich so viel Schlag bei den Frauen? …

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Damit befinden wir uns mitten im Zentrum einer der zentralen Entdeckungen unseres Schotten: Immerzu suchen wir nach Gründen. Und immerzu finden wir sie. So ist zumindest unsere Überzeugung. Dies allerdings zu unrecht, wie Hume befindet. Diesen Sachverhalt macht er am Beispiel des Billardspiels deutlich. Wenn eine rollende auf eine ruhende Billardkugel trifft, nehmen wir wahr, dass die erste stoppt, während die zweite zu rollen beginnt. Daraus schließen wir, dass die Rollbewegung der ersten Kugel die Ursache für die Rollbewegung der zweiten Kugel ist. Diese Schlussfolgerung ist für den Geschmack unseres Schotten allerdings sehr vorwitzig. Denn wir nehmen lediglich die zeitliche Aufeinanderfolge von Bewegungen wahr, machen hierfür aber ein Prinzip verantwortlich, das wir nicht wahrnehmen können. Und dennoch erklären wir mit allergrößter Sicherheit, dass hier zuverlässig ein Kausalzusammenhang wirkt. Keine Frage: Im Fall der Billardkugeln hat die Physik diesen Zusammenhang bewiesen. Aber das ist nicht der Punkt, um den es hier geht. Die Frage ist, warum wir uns auch ohne jeden Beweis so sicher sind. Die Antwort, die Hume gibt, ist: Gewohnheit. Wie sehen immer wieder dasselbe Spiel: Eine Kugel rollt auf eine andere zu, sie berühren sich, die erste bleibt liegen, die zweite beginnt zu rollen. Weil wir immer denselben Ablauf beobachten können, beginnen wir irgendwann, einen tieferen Zusammenhang – ein Prinzip – herzustellen. Auf dieser Grundlage lassen wir uns sogar dazu hinreißen, Aussagen über die Zukunft zu machen. Ohne jeden Beweis sind wir felsenfest davon überzeugt: Wenn morgen, übermorgen oder in einem Jahr eine rollende auf eine ruhende Kugel trifft, werden wir zuverlässig immer denselben Ablauf wahrnehmen: die erste Kugel bleibt liegen, die zweite beginnt zu rollen. Kurz: Nach Hume konstruieren wir das Kausalitätsprinzip aus unserer Erfahrung heraus.

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Es war der Philosoph Immanuel Kant, der diesen Impuls begierig in sich aufnahm, und nun selber gehörig ins Rollen geriet. Der spindeldürre Kant – in seinem Erscheinungsbild dem des Schotten diametral entgegengesetzt – befindet im Gegensatz zu Hume, dass wir das Kausalitätsprinzip nicht aus unseren Erfahrungen heraus konstruieren. Im Gegenteil: Das Kausalitätsprinzip ist vor aller Erfahrung bereits immer schon in unseren Köpfen und beginnt sein Werk mit dem ersten Atemzug, den wir in dieser Welt tun. Ein Sachverhalt, der von der modernen Kognitionsforschung bestätigt wird. Aber mit Hume ist Kant der Überzeugung, dass Kausalität eine Kategorie ist, mit der wir die Welt und Dinge ordnen. Auch dies ist heute nicht mehr strittig. Für ihn ist Kausalität „ein Schematismus des menschlichen Geistes. Sie ist das Prinzip, wonach unser Verstand die sinnlichen Eindrücke ordnet. Deshalb erscheint uns alles kausal miteinander verknüpft. Was der gewöhnliche Mensch für Realität halt, ist jene Realität, die unser menschlicher Sinnes- und Verstandesapparat erzeugt”. Das heißt nicht, dass es kausale Zusammenhänge da draußen in der Welt nicht gibt. Die Kraftübertragung von einer Billardkugel zur nächsten gilt – wie gesagt – als naturwissenschaftlich bewiesen.  Es heißt jedoch, dass “Kategorien wie Raum, Zeit und Kausalität“, so der Neurobiologe Eric Kandel, „unabhängig von äußeren, physikalischen Reizen existieren“.

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In seinem auch heute noch lesenswerten Buch “Im Anfang war der Wasserstoff” berichtet Hoimar von Ditfurth von einem Lebewesen der besonderen Art: der Raupe des Kaiseratlas. Um sich für die Zeit der Verpuppung vor Fressfeinden zu schützen, hüllt sich die Raupe zuvor in ein Laubblatt ein. Das bewerkstelligt sie dadurch, dass sie den Stiel eines Blattes durchbeißt, nicht ohne es zuvor mit Hilfe von Spinnfäden zu sichern. Das Blatt beginnt zu welken und rollt sich ein. Nun wiederholt sie dieses Prozedere mehrere Male, so dass gleich mehrere dieser Schutzhüllen entstehen, die sie in unmittelbarer Nähe zueinander platziert. Am Ende bezieht sie eine der neu geschaffenen Behausungen, während die anderen leer bleiben. Wozu der Aufwand? Durch das Auslegen gleich mehrerer ansichtsgleicher Attrappen erhöht die Raupe in erheblichem Maße ihre Chancen, von einem Fressfeind übersehen zu werden. Denn je häufiger etwa ein nach Nahrung suchender Vogel in die (leere) Röhre schaut, desto stärker wächst dessen “Überzeugung”, dass hier nichts zu holen sei, und wird von dannen ziehen. Und selbst für den Fall, dass unser gefiederter Freund zufälligerweise beim ersten Mal fündig wird, zeigen ihn die weiteren leeren Hülsen, dass getrocknete und eingerollte Blätter alles in allem kein lohnenswertes Ziel für die Nahrungssuche sind.

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Dieses Beispiel zeigt sehr eindrucksvoll, dass auch biologische Systeme, die von deutlich geringerer Komplexität als das des Menschen sind, mit Hilfe von Kausalzusammenhängen “planerisch” agieren. Das Durchtrennen des Blattstiels ist die Ursache, dass sich ein Blatt einrollt. Das Festbinden des Blattes ist die Ursache dafür, dass es nicht zur Erde fällt, nachdem der Blattstiel durchtrennt wurde. Die Präsentation einer Vielzahl vertrockneter, eingerollter Blätter ist die Ursache dafür, dass Fressfeinde das Interesse an deren verborgenden Inhalt verlieren. Damit ist Kausalität das zentrale Mittel eines biologischen Systems, aktiv in die Welt hineinzuwirken. Das Verblüffende daran: Offenbar bedarf es dazu keines Bewusstseins. Das vor- oder unbewusste Agieren entlang von Kausalketten hat augenscheinlich zu einem entwicklungsgeschichtlich sehr frühen Zeitpunkt Eingang in das Verhaltensprogramm von Organismen gefunden. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass auch der Mensch keine Sekunde zögert, sein Kausalschema auf alles und jeden anzuwenden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ja, mehr noch: Nach Philipp Hübl „sehen wir überall Verursachung, wo gar keine ist. Eine schlaflose Nacht? Das muss am Mond liegen. Pech gehabt? Vorher nicht auf Holz geklopft. Zweimal am Tag den großen, attraktiven Unbekannten gesehen? Das ist Schicksal.“ Auch Richard David Precht befindet, dass wir geneigt sind, Dinge eher intuitiv miteinander zu verknüpfen, “und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Verknüpfungen sinnvoll oder gar überprüfbar sind. Der Mensch ist ein Lebewesen, das sich in seinem täglichen Denken und Verhalten mit möglichst schnellen und weitgehend automatisierten Urteilen zufrieden gibt. Eine kurze Empfindung, ein reflexartiger Bezug auf frühere Erfahrungen – und fertig ist das Urteil.”

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Seitdem der Mensch mit einem Bewusstsein ausgestattet ist und sprechen kann, hat ihn ein Skrupel ganz sicher nie geplagt – nämlich, dass er noch nicht genug über die Welt wisse, um ein Urteil über sie fällen. Noch nie hat er gesagt: Erst wenn dereinst ein Kopernikus, ein Galilei, ein Darwin und ein Einstein Bleibendes über die Welt und unsere Stellung in ihr ausgesagt haben; erst wenn wir jede Ecke des Universums und unseres Bewusstseins ausgeleuchtet und der Welt die letzte aller möglichen Erkenntnisse abgerungen haben …, erst dann fühle ich mich sicher genug und in der Lage, ein endgültiges Urteil über die Welt abzugeben. Im Gegenteil: Der Mensch hat schon immer gewusst, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mag sein Wissen auch löchrig gewesen sein wie ein Schweizer Käse, am Ende ist immer ein Weltbild von der allergrößten Geschlossenheit herausgekommen. Der Grund für diese immer gleichbleibende Selbstsicherheit unserer Urteilskraft rührt von nichts anderem her als dem uns innewohnenden Prinzip, überall, wo wir gehen und stehen, kausale Zusammenhänge zu unterstellen. Wir konnten immer Gründe angeben, warum die Welt so ist, wie sie ist. So sind – um nur ein Beispiel zu nennen – die Mythen als Narrative der Weltentstehung entstanden. Erwies sich dann die eine oder andere Begründung mit der Zeit als zunehmend fadenscheinig, so haben wir sie ohne viel Federlesens durch andere, plausibler erscheinende Ursachen ersetzt, ohne dass dies unsere Neigung zur vorwitzigen Unterstellung von Kausalzusammenhängen auch nur im Geringsten erschüttert hätte.

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In einen meiner früheren Posts habe ich dargelegt, wie sich unser Wahrnehmungsapparat im Laufe der Evolution darauf spezialisiert hat, aus dem Chaos an Sinnesdaten, die sekündlich auf uns einwirken, genau diejenigen Reize herauszufiltern, die ihn Dinge als Dinge erscheinen lassen. Diese Fähigkeit vermittelte ihm beträchtliche Fitness-Vorteile – etwa bei der Suche nach Nahrung oder bei der Früherkennung von Feinden. Doch dieser Vorteil wird erkauft durch den Umstand, dass ein so strukturierter Wahrnehmungsapparat die Welttotalität auflöst in eine Ansammlung einzelner Dinge, die beziehungslos nebeneinander stehen. Diesen Nachteil macht unser internes Kausalitätsschema wett. Es sorgt dafür, dass die sich auflösende Welt einen tieferen, einen subkutanen Zusammenhalt erfährt. Nicht umsonst bezeichnete Hume die Kausalität als „Zement des Universums“. Und es ist dieser Zement, der die Menschen zu einem narrativen Wesen haben werden lassen. Der Anthropologe Pascal Boyer hierzu: „Wir wissen, dass der menschliche Geist ein narrativer oder literarischer Geist ist. Das heißt, der Mensch strebt danach, Ereignisse in seiner Umgebung, mögen sie auch noch so unbedeutend sein, als kausal zusammenhängende Geschichten darzustellen, als Abfolgen, bei denen das eine Ereignis die Wirkung eines anderen ist und den Boden für das folgende bereitet.“ In seinen Geschichten verknüpft der Mensch einzelne Sachverhalte zu narrativen Ketten, die allein durch das Prinzip der Kausalität zusammengehalten werden. Und auch dieser Text, den Sie bis hierhin gelesen haben, wäre nicht realisierbar ohne das Ferment der Kausalität.

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In diesem Sinne: Guten Rutsch und einen kraftvollen Start ins neue Jahr!