Der Einkaufszettel des Galilei

Der Einkaufszettel des Galilei

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Für uns Normalsterbliche ist Einkaufen ein alltägliches Geschäft ohne besondere Vorkommnisse und Erkenntnisgewinn. Vollführt ein Genie dieselbe Handlung, sieht die Sache schon ganz anders aus. Da wird Einkaufen zum „Projekt“. Schauen wir uns unter diesem Gesichtspunkt einmal die folgende Shopping-Liste an. Es beginnt ganz harmlos mit Malvasia-Wein, Zucker, Pfeffer, Nelken und und und. Bis dato alles im üblichen Rahmen also. Doch dann nimmt der Zettel eine äußerst skurrile Wendung. Denn der seltsame Faun, von dem hier die Rede ist, begehrt zudem Kanonenkugeln, Orgelpfeifen, Tonerde aus Tripolis und Pech aus Griechenland. Nicht zuletzt – und jetzt wird es für unseren Zusammenhang besonders interessant – sind es deutsche Brillengläser, Spiegelscherben und Bergkristall, die sich unser Mann da notiert hat … Nunja, Einkaufen war zu der Zeit, in der unser Genie lebte, nicht so komfortabel wie heute. Vor allem, wenn man sich mühsam vom Wohnort Padua ins etwa 50 km entfernte Venedig bewegen musste. Da durfte man nichts dem Zufall – und dem eigenen Gedächtnis – überlassen und schrieb deshalb die ersehnten Dinge minutiös nieder. Und so ist ein Dokument auf uns gekommen, das uns einen Einblick in die Entstehungsgeschichte eines Instruments gibt, das seinen Schöpfer mit einem Schlag in ganz Europa berühmt machen sollte. Ja, der Einkaufszettel fixierte für alle Zeiten wichtige Komponenten für eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit: das Fernrohr des Galileo Galilei.

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Die Geschichtswissenschaft sieht nicht wirklich klar, wem das Urheberecht an dieser Erfindung zukommt. Noch am deutlichsten im Lichtkegel der Aufmerksamkeit steht der in Wesel geborene Hans Lipperhey, der im niederländischen Middelburg sein Glück als Brillenmacher gemacht hatte. Nebenbei werkelte er zudem an einem Teleskop herum, das er Ende 1608 zum Patent anmeldete. Und weil interessierte Kreise in dieser neuen Technik einen erheblichen militärischen Nutzen erkannten, strich er pro Exemplar eine Summe von 1000 Gulden ein. Es ging also um viel. So verwunderte es nicht, dass auch andere „Glücksritter“ für sich die Urheberschaft reklamierten – so etwa der ebenfalls als Brillenmacher in Middelburg ansässige Zacharias Janssen, ein passionierter Trinker, Raufbold und Münzfälscher, der nur wenige Meter von Lipperhey entfernt wohnte. Durch den Umstand, dass dieser Mann ebenfalls mit einem Fernrohr auf den Plan trat, sah Lipperhey buchstäblich in die Röhre: seine Erfindung war durch kein Patent mehr zu schützen. Und sei das nicht genug, meldete auch ein Jacob Metius aus Alkmaar seine Ansprüche an. Kurz: Im Jahr 1608 schien die Zeit für ein Gerät gekommen zu sein, mit dem man Kleines groß und Entferntes nah sehen konnte. Die Nachricht von diesem Wunderwerk verbreitete sich rasch über ganz Europa und erreichte rund ein Jahr später auch Galileo Galilei im fernen Padua. Galilei war also nicht der Erfinder des Fernrohrs. Allerdings war er derjenige, der die weitaus leistungsstärksten mit einer bis zu 30-fachen Vergrößerung zu bauen im Stande war. Und mit diesen begann er, in den Himmel zu schauen.

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Was er da nicht alles zu sehen bekam! Zum Beispiel, dass die Grenze zwischen Licht- und Schattenseite des Mondes nicht gleichmäßig verlief, sondern unregelmäßig und gezackt. Schnell kam Galilei auf den Trichter, dass die Mondoberfläche nicht – wie Aristoteles annahm – glatt, sondern uneben ist. Mit einem nicht zu unterdrückenden Entdeckerstolz schreibt er: „Ein sehr schöner und erfreulicher Anblick ist es, den Mondkörper … aus der Nähe zu betrachten … Man erkennt …, dass der Mond keine sanfte und glatte, sondern eine raue und unebene Oberfläche besitzt und dass er, ebenso wie das Antlitz der Erde selbst, mit ungeheuren Schwellungen, tiefen Mulden und Krümmungen überall dicht bedeckt ist“. Diesem Mann war die historische Bedeutung seiner Entdeckung nur allzu bewusst: „Ich danke Gott unendlich dafür, dass er so gnädig war, mich zum ersten Beobachter von Wundern zu machen, die sich all die Zeit zuvor verborgen hielten“. Und mehr noch: „Es zeigte mir nicht nur den Mond, sondern enthüllte mir eine Vielzahl bis dahin nie gesehener Fixsterne, die die Anzahl der mit bloßem Auge sichtbaren um mehr als das Zehnfache überstieg“. Ja, offensichtlich befand sich der Mann zeitweilig in einem Zustand kaum zu bremsender Euphorie.

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Das Fernrohr als Mittel, sich aus dem unermesslichen Angebot der Weltgesamtheit ein „Ding“ herauszupicken und es einer näheren Betrachtung zu unterziehen – diese Konstellation erzählt jede Menge darüber, wie wir in die Welt blicken. Denn ein Objekt als Objekt zu erkennen ist für unser Auge nicht so selbstverständlich, wie wir glauben. Im Gegenteil: Die Evolution hat einen immensen Aufwand betrieben, um uns in die Lage zu versetzen, aus einer unübersehbaren Flut an Sinnesreizen, die jede Sekunde auf uns einprasseln, diejenigen Informationen herausfiltern, die uns Dinge als Dinge erscheinen lassen. Oliver Sacks weist darauf hin, dass die beiden Neurobiologen David Hubel und Torsten Wiesel bereits zu Beginn der 1960er Jahren nachweisen konnten, „dass es im visuellen Kortex einzelne Zellen und zu Säulen angeordnete Zellen gibt, die als ´Merkmalsdetektoren´ dienen, das heißt, die spezifisch auf eine waagerechte und senkrechte Orientierung der Reize ansprechen, auf Ränder und Fluchtlinien oder andere Merkmale des Gesichtsfeldes“. Seitdem wurden immer mehr solcher Merkmalsdetektoren entdeckt. Sehen ist uns also nicht einfach so gegeben, sondern wird, so Sacks weiter: „aus einer enorm komplexen und schwierigen Korrelation verschiedener Prozesse konstruiert“. Seitdem wird Wahrnehmung als „ein zusammengesetzter, modularer Vorgang verstanden, als Zusammenspiel einer Riesenzahl von Elementen. Für die Integration und Nahtlosigkeit der Wahrnehmung wird im Gehirn gesorgt.“ Sehen ist also „ein analytischer Prozess …, der von der unterschiedlichen Reaktivität einer großen Zahl von Zellen des Gehirns und der Netzhaut abhängt, jede darauf spezialisiert, auf andere Wahrnehmungskomponenten zu reagieren.“

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Dass unser Gehirn all die schönen Dinge, die wir sehen können, zuerst konstruiert, bevor wir sie wahrnehmen können, bedeutet also nicht, dass es die Welt und die Dinge nicht gibt. Als überzeugter Anhänger von Darwins Lehre kann man gar nicht anders, als die Außenwelt als gegeben zu akzeptieren. Und die „Beweise“ für die Gegebenheit der Außenwelt liegen gerade darin, dass die an die Umweltbedingungen angepassten Überlebensstrategien funktionieren. Hierzu gehört eben auch die intuitive Erkennung von Objekten jeder Art. Es ist ein durchaus nicht zu gering einzuschätzender Vorteil im ewigen Kampf ums Überleben, einen Feind intuitiv erkennen können, bevor er dich entdeckt. Es trägt ebenfalls zu Wohlbefinden und Gesundheit bei, zwischen genießbaren und giftigen Früchten unterscheiden zu können, ohne es auf einen Selbstversuch ankommen lassen zu müssen. Wahrnehmung steht also durchaus in Beziehung zu den Dingen. Und dennoch ist Wahrnehmung ein eigenständiger Prozess, der auf Interpretation beruht. Nichts zeigt diesen Sachverhalt deutlicher als die sogenannten Kippbilder. Die allseits bekannte Grafik „Meine Frau und meine Schwiegermutter“ zwingt den Betrachter dazu, darin abwechselnd eine junge und eine alte Frau wahrzunehmen. Dieses Kippen können wir nicht verhindern, weil es das Gehirn ist, das uns diese unterschiedlichen Interpretationen anbietet. Oliver Sacks hierzu: „Das Kippen ist ein rein kortikaler Prozess, ein Konflikt im Bewusstsein selbst, das zwischen zwei möglichen perzeptiven Interpretationen hin und her gerissen ist.“ Die Objekterkennung, also die Isolierung eines Dings aus einer Flut an Sinnesreizen, folgt also festgelegten Interpretationsmustern und gehört zu unserem evolutionären Erbe. Dies ist der der Grund dafür, dass wir einen sehr dinghaften Blick auf die Welt haben.

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In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 1610 nahm Galilei mit seinem Fernrohr den Planeten Jupiter in den Blick, der – wie er annahm – vor dem Hintergrund von drei Fixsternen positioniert war. In den folgenden Nächten fiel ihm aber auf, dass sich diese Objekte auf einer Ekliptikebene bewegten und dabei den Jupiter umspielten. Am 13. Januar 1610 schließlich tauchte ein vierter dieser seltsamen Himmelskörper auf. Damit dämmerte es Galilei allmählich, dass es sich bei den vermeintlichen Fixsternen um Monde handelt, die sich mit Jupiter ein anderes Zentralgestirn als die Erde ausgesucht hatten. Ein wichtiger Beweis für das heliozentrische Weltbild. Dieser Vorgang macht deutlich, wie sehr die Fähigkeit der Objekterkennung unseren Zugang zur Welt prägt. Die einzelnen Dinge erkennen wir auf Anhieb, ihren systemischen Zusammenhang können wir uns nur über die mühevolle Beobachtung und logische Kombinatorik aneignen. Eine Merkwürdigkeit, die bis in unsere Sprache durchschlägt. So erhalten die Monde schon bald nach ihrer Entdeckung ihre Namen: Io, Europa, Ganymed und Kallisto. Auch das Gesamtset der Objekte erhalten Bezeichnungen: Galileische Monde oder Mediceische Monde. Der Bezug dieser Objekte zum Zentralgestirn Jupiter – und damit ihr Systemzusammenhang – bleibt namenlos. Zumindest zunächst.

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Es ist also kein Zufall, dass wir die Wortkategorie, mit der wir einzelne Objekte – also Wesen und Dinge – belegen, als Substantiv bezeichnen. Hier scheint der alte Substanzbegriff des Aristoteles durch. Dies ist aber zumindest irreführend. Denn wahrnehmungspsychologisch ist das einzelne Ding gar nicht das Interessante – zumindest nicht, solange es für unser Überleben ohne Belang ist. An einem Fixstern, der den lieben langen Tag nichts anderes tut, als ein Fixstern zu sein, verlieren wir bald das Interesse. Und so verabschiedet sich das immer Gleiche allmählich aus unserem Bewusstsein. Erst die Bewegung – also alles, was wir mit einem Verb beschreiben – weckt unser Interesse. Und dies deshalb, weil es – im Guten wie im Bösen – eine überlebensstrategische Bedeutung für mich haben kann. Bei einem Substantiv sehen wir nur das Ding. Bei einem Verb sehen wir die Bewegung und das Ding. Mit einem Wort: Nicht das Substantiv, sondern das so genannte Tu-Wort ist das eigentliche Hauptwort unserer Sprache. Und das, obwohl Galilei auf seinen Einkaufszettel eigentlich ausschließlich Substantive notiert hat.