Der mächtigste Digitalisierungsprozess der Geschichte. Über die Entstehung der Sprache.

Der mächtigste Digitalisierungsprozess der Geschichte. Über die Entstehung der Sprache.

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Diese Sache mit der Schlange und dem Apfel war nicht wirklich fair vom lieben Gott. So gibt er vor, den Menschen nach seinem Ebenbild zu erschaffen. Doch das war geflunkert. Denn es gibt Unterschiede zwischen beiden, zwischen Schöpfer und Geschöpf. So weiß der Allmächtige ziemlich genau, wo in Sachen Moral der Hammer hängt. (Immerhin stammt auch sie ja unmittelbar von ihm selbst). Adam und Eva hingegen war dies nicht vergönnt. Ja, der Ewige verbot ihnen sogar ausdrücklich, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Deshalb die Preisfrage: Wenn es den ersten Menschen nicht gegeben war, moralische Entscheidungen zu treffen – wie sollte ihnen da die Übertretung des göttlichen Verbots als Sünde ausgelegt werden können? Eben. Und dennoch verdammt der liebe Gott sie für etwas, das sie nicht zu verantworten haben. Alles in allem also nicht wirklich fair vom lieben Gott.

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Die biblische Schöpfungsgeschichte taugt also nicht zur Begründung einer wie auch immer göttlich inspirierten Moral – wohl aber zum Verständnis einer entscheidenden Phase in der Geschichte der Menschheit. Deshalb noch einmal ein Blick in die Schöpfungsgeschichte. Der Biss in den Apfel führt zu einer frappierenden Reaktion bei Adam und Eva: Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Scham nun setzt ein Ich-Bewusstsein voraus. Die Vertreibung aus dem Paradies beschreibt also einen Sündenfall der ganz anderen Art: den Sturz des Menschen aus dem „naiven“ unmittelbaren Einssein mit seiner natürlichen Umwelt auf den Boden der Tatsache, dass die Welt ihm fremd geworden ist und ihm nunmehr als Objekt gegenüber steht. Von nun an sind es nicht mehr die Instinkte, die ihn durch sein Leben treiben, sondern seine im Rahmen seines eigenen Bewusstseins verhandelten Entscheidungen – darunter von Anfang an sicherlich auch die zwischen gut und böse.

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Dieser Entfremdungsprozess beruht darauf, dass sich eine neue Instanz zwischen dem Menschen und der Welt geschoben hat: das Bewusstsein, die mentale Repräsentation des äußeren und inneren Kosmos im eigenen Oberstübchen. Die bis dato nur momenthaft einwirkende Welt nistet sich nun dauerhaft in den Tiefen unseres Gehirns ein und lässt sich so jederzeit wieder abrufen. Diese dauerhafte Verinnerlichung der äußeren und inneren Welt in Form von mentalen Repräsentationen drängt wie selbstverständlich in die Sprache – vor allem dann, wenn bestimmte Weltverhältnisse eine besondere Relevanz für die eigene Population erhalten, sprich: wenn Kommunikation und Interaktion erforderlich werden. Wenn ich alleine entdecke, dass sich ein Raubtier nähert, liegt es in meiner Verantwortung, die eigene Population vor der drohenden Gefahr zu warnen. Für den Sprachphilosophen Felix Mauthner steht deshalb fest, dass Gedächtnis, Bewusstsein und Sprache „drei Synonyme“ sind.

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Im Rahmen der Bewusstseinsentwicklung vollzieht sich eine Verwandlung der besonderen Art: Der Mensch überträgt die Totalität der Welt in einzelne, distinkte mentale Entitäten. Ein Prozess, der vorgeprägt ist durch eine Form der Mustererkennung, die noch auf einer unbewussten Ebene erfolgt und entsprechende Verhaltensprogramme auslöst. Ich muss auch ohne Bewusstsein „erkennen“, wer mein Feind ist, und mein Verhalten darauf einstellen. Ich muss auch ohne Bewusstsein „erkennen“, welche Pflanze giftig ist, und mein Verhalten darauf einstellen. Ausgehend von diesen ersten Mustern entwickeln sich sukzessive mentale Repräsentationen, die bis in unser Bewusstsein vordringen, wo wir sie dann mit Namen belegen können. Durch diesen Prozess zersplittert die Welttotalität in ungezählte Einzelteile. Es ist also viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, ehe ein Wittgenstein sagen kann: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“. Die Welt ist nurmehr eine Summe einzelner Tatsachen.

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Neulich in der Steinzeit. Ein Homo Habilis erzählt seinen Clan-Mitgliedern abends am Lagerfeuer die folgende Geschichte:

     mann höhle schlaf

     tochter frucht sammel      kopf dreh     mammut seh

     tochter renn     baum komm     kletter     mammut baum schüttel

     tochter kreisch kreisch     vater renn     speer werf

     mammut brüll     fall

     vater stein nehm     fleisch schneid     tochter geb

     tochter ess

So oder ähnlich stellt sich der Linguist Guy Deutscher eines der ersten Gespräche der Menschheit vor, das vor etwa 1 – 2 Millionen Jahren stattgefunden haben kann. Sicher: Das ist eine sehr idealtypische Konstruktion. So hatte die Sprache der ersten Menschen schwerlich eine verdammte Ähnlichkeit mit der deutschen Sprache. Was aber deutlich wird, ist Folgendes: Die Sprache ist zu Beginn nicht mehr als eine Aufeinanderfolge von unflektierten Substantiven und direkt beigeordneten Verben. Objekte und Ereignisse, Raum und Zeit – auf diesen basalen Komponenten sollte sich der ganze Reichtum der modernen Sprachen entwickeln.

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Die hübsche Steinzeit-Geschichte zeigt sehr deutlich die Auflösung der Welttotalität in einzelne distinkte sprachliche Entitäten. Ein Vorgang, der große Ähnlichkeit mit der Übertragung eines Schwarz-Weiß-Fotos mittels Scanner in einen Rechner hat. Die Bildtotalität löst sich auf in Millionen Pixeln, die ich dann auf dem Monitor meines Laptops wieder originalgetreu zusammenfügen kann. Kann, nicht muss. Denn mit den digitalen Daten kann ich frei umgehen und beispielsweise dem gelbstichigen Bild komplett frische Farben verleihen. Oder Personen aus dem Bild eliminieren oder umgruppieren. Oder aus einem sonnenreichen Tag einen ziemlich verregneten machen. Oder oder. Meiner Phantasie und meinem Darstellungswillen sind keine Grenzen gesetzt. Wie bei der Sprache. Mit ihr erschaffe ich mir einen Kosmos, den ich der ersten Welt entgegensetze und der unmittelbarer und realer ist als Gottes Schöpfung. Beide haben Ähnlichkeiten, irgendwie. Aber im Notfall vertraue ich nur dem Bedeutungsgehalt der zweiten Welt. Mit anderen Worten: Die Vertreibung aus dem Garten Eden beantwortet der Mensch damit, dass er sich sein eigenes Paradies schafft, in dem nun ein anderer der unumschränkte Herrscher ist: er selbst.

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