Der ziemlich ungenaue Kafka. Über die Unschärferelation der Sprache

Der ziemlich ungenaue Kafka. Über die Unschärferelation der Sprache

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Wirklich sehr seltsam, dieser in Briefform gehaltene Heiratsantrag. Der Verfasser thematisiert zunächst seine momentane Gereiztheit seiner Schwester gegenüber, für die allerdings „nicht der geringste Grund“ vorgelegen habe. Darauf lässt er einen leisen Vorwurf gegenüber der avisierten Empfängerin folgen („ich hatte heute keinen Brief von Dir“), geht dann auf den wahren Grund ein, warum eine Verbindung zwischen ihm und ihr eigentlich nicht möglich ist („Zwischen mir und Dir steht von allem andern abgesehn der Arzt … Ich war wie gesagt nicht eigentlich krank, bin es aber doch.“), ehe er dann äußerst gewunden zur Sache kommt: „Nun bedenke, Felice, angesichts dieser Unsicherheit läßt sich schwer das Wort hervorbringen und es muß sich auch sonderbar anhören. Es ist eben zu bald, um es zu sagen. Nachher aber ist es doch auch wieder zu spät, dann ist keine Zeit mehr zur Besprechung solcher Dinge, wie Du sie in Deinem letzten Brief erwähnst. Aber zu langem Zögern ist nicht mehr Zeit, wenigstens fühle ich das so, und deshalb frage ich also. Willst Du unter der obigen, leider nicht zu beseitigenden Voraussetzung überlegen, ob Du meine Frau werden willst? Willst Du das?“ Darauf folgen weitere Sätze in Menge, die wiederum immer nur auf ein Ziel hinauswollen: der Angebeteten zu verdeutlichen, dass er eigentlich nicht der Richtige für sie sei. Alles in allem also nicht wirklich geschickt, dieser Heiratsantrag. Es ist leicht nachvollziehbar, dass auf dieser Beziehung von Anfang an kein guter Stern lag, und der Grund hierfür war niemand anderer als der Brautwerber selbst: Franz Kafka, ein Mensch, der zeit seines Lebens meilenweit neben sich stand. Nur wenige Monate vor seinem Heiratsantrag formuliert er an seine Geliebte einen Satz, der die abgrundtiefe Verlorenheit des Dichters sichtbar macht: „Manchmal denke ich, Du hast doch, Felice, eine solche Macht über mich, verwandle mich doch zu einem Menschen, der des Selbstverständlichen fähig ist.“

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Ziemlich entrückte Gedanken, von denen wir keine Kenntnis erhalten hätten ohne eine der zentralen Kulturtechniken der Menschheit: die Schrift. Nur mit ihrer Hilfe konnten die flüchtigen Geistesbewegungen des Dichters den sehr privaten Bereich zweier Menschen verlassen und für alle Zeiten zum faszinierenden Beobachtungsobjekt für jeden literarisch, historisch oder psychologisch interessierten Voyeur werden. Womit wir die ursprüngliche Funktion der Schrift ziemlich klar erfasst hätten. Weit vor Floppy Disk, Festplatte & Co. hat sie ihre Karriere als erstes externes Speichermedium der Menschheit angetreten. Mit ihr ließen sich für alle Zeiten private Gedanken oder allgemeingültige Gesetze ebenso fixieren wie Besitz und Wirtschaftsgüter. Vor allem letzteres war zu Beginn ihr vordringlicher Zweck. Denn die ersten schriftlichen Zeichen waren Kerben, die in ein Medium wie Holz oder Knochen eingeritzt wurden. In diesem Stadium hatte diese Zeichen mit Abbildung gesprochener Sprache noch nichts zu tun. Hier ging es vielmehr um eine Art von „Buchführung“, bei der eine Kerbe eine Einheit einer Objektklasse repräsentiert. Martin Kuckenburg dazu: „Auf Kerbhölzern vermerkten Jagdvölker die Menge ihrer Beute, Hirten die Anzahl ihrer Weidetiere und Eingeborene in der Südsee die Summe der von ihnen geernteten Kokosnüsse – auch in Europa hielten Waldarbeiter damit früher die Anzahl der von ihnen fertiggestellten Reisigbündel und Weinbergarbeiter die Menge abgelieferten Trauben fest.“ Später ermöglichte dieses System auch, abstrakte Dinge zu zählen: „Indianische Arbeiter in Los Angeles führten auf Kerbhölzern ´Buch´ über ihre Arbeitstage und -wochen, ebenso wie Dienstboten in Südamerika und in Afrika. Bei den westafrikanischen Ewe dienten gekerbte Stäbe als Mittel der Zeitrechnung, bei den Ainu in Japan zur Markierung wichtiger historischer Ereignisse, und die Maori auf Neuseeland führten damit ihre Ahnenregister“.

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Das Verhalten, Objekte jeder Art in Form einfacher Markierungen auf einem Stück Holz oder Knochen abzubilden, lässt Rückschlüsse auch auf unseren heutigen Umgang mit der Sprache zu:

  • Die Menschen verstanden (und verstehen) sich darauf, einander ähnelnde Dinge zu einer Klasse zusammenzufassen. Individuelle Unterschiede zwischen zwei Kokosnüssen etwa hindert sie nicht daran, beide als Kokosnuss zu kategorisieren. Die Faustformel lautet: eine Kokosnuss = eine Kerbe. Heute nutzen wir für die Festlegung von Objektklassen Substantive. Denn auch das Wort „Kokosnuss“ nivelliert jeden Unterschied zwischen großen und kleinen, hellen und dunklen Kokosnüssen.
  • Die Überführung eines konkreten Objekts aus der realen Umwelt in eine Markierung ist also Ausdruck einer bestaunenswerten Fähigkeit zur Abstraktion und kann als Kulturleistung ersten Ranges betrachtet werden. Schon hier – in ihrem frühesten Stadium – ist die „Schrift“ nicht Ausdruck einer Abbildung der Welt, sondern einer interpretierenden Engführung. Ich bilde nicht das Objekt selber ab, sondern lediglich in seiner Funktion als mein Wirtschaftsgut und mein Vermögen. Wenn die Römer den Mond als „luna“ bezeichnen, dann reduzieren sie ihn als Lichtgeber. Wenn die alten Griechen ihn mit dem Wort „men“ benennen, dann folgen sie einer interpetierenden Engführung als Zeit- und Taktgeber.
  • Die Abstraktion bringt es mit sich, dass wir heute nicht ohne Weiteres feststellen können, auf welche Objektklasse sich die Kerben beziehen – auf Kokosnüsse, Schafe oder erlegte Mammuts. Nur die „Autoren“ dieser Markierungen konnten diesen Zusammenhang herstellen. Mit anderen Worten: Der „Sinn“ der Schrift bzw. Sprache ergibt sich aus dem Zusammenspiel aus externem und internem Speichermedium, dem Kerbholz und dem semantischen Gedächtnis. So auch heute. Wenn jemand sagt: „Da ist er ja“, dann wissen wir auch nicht ohne weiteres, wer oder was gemeint ist. Der vollständige Sinn ergibt sich ausschließlich aus dem gesprochen Wort in Verbindung mit dem, was der Sprecher in seinem Kopf verborgen hält.

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Die frühesten dieser Kerbhölzer und -knochen sind verdammt alt, rund 300.000 Jahre. Und es sollten noch mindestens 295.000 Jahre ins Land gehen, ehe der Mensch in der Lage war, diese Form der Bestandserfassung zu einem Schriftsystem zu entwickeln, das die gesprochene Sprache auf sichtbare Weise repräsentiert. Tatsächlich verfügen wie erst seit 3500 bis 5000 Jahren über Schriftsysteme, die flexibel genug sind, so seltsam verschrobene Gedankenführungen wie die eines Franz Kafka für immer einzufangen. Wie dieser Prozess vom Buchführungs- zum Schriftsystem im Einzelnen vonstatten ging, soll in einem anderen Post aufgezeigt werden. An dieser Stelle möchte ich den Fokus darauf lenken, wie wir mit Hilfe von Substantiven, Verben und Adjektiven die Welt um uns herum klassifizieren und dabei zu einer Vergröberung der Wahrnehmung beitragen, die uns aber alles andere als irritiert. Ein Satz wie „Der grüne Vogel singt“ – so schön, klar und einfach er uns erscheint – sagt uns streng genommen eigentlich gar nichts, weil er die Klasse aller Grüntöne mit der Klasse aller Vögel und der Klasse aller Singmelodien miteinander verbindet. Um sich verständlicher zu machen, kann der Sprecher nun auf Unterklassen von hell- bis dunkelgrün, vom Halsbandsittich bis zum Grünfink, vom trällern bis zwitschern zurückgreifen. Aus den hellgrünen Farbtönen wählen wir im Interesse einer noch höheren Genauigkeit wiederum gelbgrün, aus dem Bereich der Grünfinken picken wir uns den Himalaya-Grünfink heraus und einigen uns beim Gesang um ein gilfernd ausklingendes Tschirpen. So können wir es mit der Genauigkeit immer weiter treiben, bis wir irgendwann bei einer wissenschaftlichen Beschreibung ähnlich der folgenden landen: „Der Chloris spinoides mit der hexadezimalen Farbdefinition #61993b emitiert Töne mit einer Laustärke von 85 Dezibel und eine Frequenz von 240 Hertz.“ Da gefällt uns die deutlich ungenauere Formulierung: „Der grüne Vogel singt“ doch deutlich besser.

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Das ist die Unschärfe-Relation der Sprache: Je genauer wir in der Beschreibung werden, desto diffuser wird die Darstellung. Je ungenauer wir werden, desto klarer der Eindruck. (Wobei es – nebenbei gesagt – auch nicht zu ungenau werden darf. Der Satz „Der Vogel singt“ dürfte niemals zu „Das Landwirbeltier gibt Geräusche von sich“ vergröbert werden). Mit diesem Maß an Ungenauigkeit garantiert sie, dass die Sinnlichkeit und Transparenz der Welt erhalten bleibt. Kehren wir an dieser Stelle zu unserem ausgewiesenen Fachmann für misslungene Heiratsanträge zurück: zu Franz Kafka. Sein Roman „Das Schloß“ beginnt mit folgenden Worten: „Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor. Dann gieng er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen. K. war damit einverstanden. Einige Bauern saßen noch beim Bier aber er wollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den Strohsack vom Dachboden und legte sich in der Nähe des Ofens hin.“ Unfassbar: Eigentlich ist der Text ziemlich ungenau. Ob „Dorf“, „Schloß“, „Wirtshaus“, „Wirt“ oder „Bauern“ – nichts wird hier näher beschrieben. Es ist aber gerade diese Ungenauigkeit und diese archaische Einfachheit der Sprache, die der Fantasie alle Möglichkeiten der Entfaltung gibt. Der Leser macht sich seine eigene Vorstellung von den Dingen – übrigens auch vom „Schloß“, obwohl es ja ausdrücklich als nicht sichtbar deklariert wird. Also auch hier gehen externes und internes Speichermedium – diesmal das des Lesers – eine kongeniale Einheit ein.