Im Jahrzehnt des Lehrers. Zu einigen Implikationen des Begriffs „Unterschied“

Im Jahrzehnt des Lehrers. Zu einigen Implikationen des Begriffs „Unterschied“

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Seit dem Februar 2019 befinden wir uns – laut chinesischem Kalender – im Jahr des Schweines. Damit gehören Besonnenheit, Ruhe und Gelassenheit zur unübersehbaren Signatur unserer Zeit. Zumindest in China. Wir hingegen, die wir auf der anderen Seite des Globus leben, spüren hiervon kaum einen Hauch. Hier im Land der untergehenden Sonne herrschen Rechthaberei, Ressentiment und der unübersehbare Wille, fünfe bloß nicht, auf keinen Fall und nie und nimmer grade sein zu lassen. Kurz: Wir befinden uns im Jahr – ach, was sage ich? – im Jahrzehnt des Lehrers.

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Aktive, aber auch bereits pensionierte Lehrer kranken ja eindeutig daran, dass sie zu nichts anderem ausgebildet wurden, als recht zu haben. Sobald sie auf die Schüler losgelassen werden, sind sie die letzte Instanz, die über richtig oder falsch entscheidet. Da entwickelt man sich nur allzu leicht zu einem King Käs, der immer und überall recht haben will. Vielleicht besteht darin ja gerade die ausgleichende Belohnung für die vielen Erniedrigungen, die sie von Seiten der SchülerInnen, der Eltern und des Dienstherrn erfahren. Recht zu haben, tut einfach gut. Und so klammern sie sich umso mehr an ihr säkular gewendetes manichäische Weltbild: Richtig versus falsch statt gut versus böse.

Das geht auch so lange gut, solange sie im Dienst sind. Mehr oder weniger. Aber sobald sie aus ihrer Erlebnis-Blase „Schule“ kommen, sind sie mit etwas konfrontiert, dass ihnen sichtlich Unbehagen bereitet: das Leben – das pralle, bunte, vielfältige, immer wieder anders seiende, durch Metamorphosen und Übergänge gekennzeichnete, überbordende Leben. Natürlich versuchen sie auch hier, diesem Wildwuchs mit ihrer Rechthaberei beizukommen und den Menschen zu erzählen, was richtig, was falsch ist. Aber dagegen wehrt es sich, das Leben. Das ist der Grund, warum das Image von Lehrern insgesamt eher so mittel ist.

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Seit Einführung des Monotheismus vor etwa 3400 Jahren hat die Menschheit Eines ja mit Sicherheit gelernt: Rechthaberei und Ressentiment gehören zusammen. Wer an die eine und unbezweifelbare Wahrheit glaubt, muss jeden, der anderer Ansicht ist, abgrundtief verachten. So auch der Lehrer. Wer mit ihnen eine Diskussion beginnt, sieht sich mit einem Male in einem Strudel der Herabwürdigung gefangen, sobald man anderer Meinung ist. Dann bezeichnet er – der Ideologe – jeden anderen als Ideologen. Deshalb vorsicht vor jedem Lehrer, der mit Dir einen Disput – in ihrer Sprache heißt das: Diskurs! – zu beginnen versucht. Das kann ziemlich unerquicklich enden.

Der einzige Unterschied: Der Lehrer leitet seine Wahrheit nicht aus einer göttlichen Erleuchtung ab, mit denen noch die ersten Monotheisten Eindruck zu machen versuchten. Nein, seine Erkenntnis speist sich aus einer weit edleren Quelle: seiner eigenen Urteilskraft, aus seinem so von ihm empfundenen Vermögen, die Welt aus dem Zusammenspiel aus Beobachtung und Unterscheidung zu beschreiben. Dass auch andere Menschen über dieselbe Urteilskraft verfügen könnten, blendet er aus. Mit einem Wort: So wie der Monotheist die göttliche Wahrheit verabsolutiert, verabsolutiert der Lehrer sich selbst. Für Monotheisten wiederum ein klassischer Fall von Hybris.

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Ja, ich weiß: Das ist alles furchtbar ungerecht, was ich da bis hierhin zusammengeschrieben habe. Ich bemühe hier eine allseits beliebte Stereotype, um mir des Beifalls sicher zu sein. Denn Lehrer ledert man allerorten gerne mal ab. Das mag kurzfristig befriedigen. Dennoch greife ich damit gleich einen ganzen Berufsstand an – ohne noch weiter darauf zu achten, ob innerhalb dieser Gruppe enorme Unterschiede existieren. Ab diesem Moment gilt: Lehrer ist Lehrer, und es ist mir einfach nicht mehr möglich, bestehende Differenzierungen wahrzunehmen.

Deshalb sei es an dieser Stelle ein für alle mal geklärt: Ich meine keinen Berufsstand, sondern eine Geisteshaltung, die sich – wie gesagt – durch eine ressentimentgeladene Rechthaberei auszeichnet, sich zum Mittelpunkt des Universums erklärt, die Weisheit ausschließlich mit dem Goldenen Löffel internalisiert und bar jeder Selbstbeschränkung in den Foren, Chats und Blogs loskübelt, was das Zeugs hält – gerade auch jene Menschen, die sich selbst eigentlich nicht dieser Spezies zugehörig fühlen, ansonsten konsequent die „Zeit“ lesen und sich sehr gewählt auszudrücken vermögen, indem sie etwa „diskriminieren“ sagen, wo andere das Wort „unterscheiden“ verwenden.

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Womit sie eine tiefe, sehr tiefe Wahrheit aussprechen, die ihnen jedoch selbst, den Voll-Checkern dieser Republik, nicht zugänglich ist. Sicher: „Diskriminieren“ kann die Bedeutung von „unterscheiden“ haben. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich aber eine andere Bedeutung durchgesetzt: „ausgrenzen“. Und tatsächlich ist es der Lieblingssport einer zunehmenden Anzahl von Menschen geworden, quasi-objektive Unterschiede zu beschreiben, um andere Menschen in den Senkel zu stellen.

So schreibt Maxim Biller einmal: „Natürlich ist ein Italiener anders als ein Pole“, ohne sich die Mühe zu machen zu erklären, worin der Unterschied denn genau besteht. So öffnet er der Bildung von Stereotypen und Vorurteilen Tür und Tor – und klammert zugleich eine durchaus naheliegende Überlegungen von vorneherein aus, nämlich dass die Varianzen innerhalb der Bevölkerung eines Landes so immens sind, dass wir am Ende feststellen müssen, dass zwischen Pole und Italiener zuweilen eine höhere Übereinstimmung bestehen kann als zwischen Pole und Pole oder Italiener und Italiener.

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Beobachtung und Unterscheidung sind nicht voraussetzungslos. Noch vor jeder Beobachtung trifft der Beobachtende so viele Entscheidungen, die sich einer empirischen Erfahrung und damit einer rationalen Begründung entziehen. Der Wille zur Beobachtung (dieses und nicht jenes Objekts) und der Wille zur Unterscheidung (von diesem und nicht von jenem Objekt), ja, der Wille, Dinge zum Objekt (welches Merkmal definiere ich als objektzugehörig, welches exkludiere ich?) zu machen, sind aus sich selbst rational nicht begründbar, weil sie sich aus unbewussten Impulsen speisen. Sie merken: Ohne es zu wollen, beginnt der Mensch mit dem Instrumentarium aus Beobachtung und Unterscheidung sich eine Welt zu basteln, die seinem Geist und seinen Bedürfnissen gemäß ist. Kurz: Er beginnt, sich seine Welt – vorsicht, böses Wort! – zu konstruieren.

Warum ordne ich die Menschen nach Hautfarbe? Und warum ordne ich sie nach Geschlecht? Und warum glaube ich dann auch noch am Ende ziemlich selbstgefällig, der Beschreibung der Welt damit ausschöpfend Genüge getan zu haben? Wo bleibt der begründete Zweifel hinsichtlich der Frage, ob diese Unterschiede, die ich da treffe, auch wirklich objektiver Natur sind, und nicht doch eher Ausdruck unseres evolutionären Erbes? Ein weißer Mensch lernt sehr schnell, die Physiognomien seiner eigenen weißen Population voneinander zu unterscheiden, während für ihn „Afrikaner“ oder „Asiaten“ alle mehr oder weniger gleich aussehen. Seine unbestechliche Unterscheidungsfähigkeit setzt also mit einem Male aus (ein Phänomen, das sich im Übrigen bei Menschen aller Hautfarben beobachten lässt). Die besondere Betonung der Mann-Frau-Dichotomie wiederum entspringt dem eigentlich allgemein bekannten Umstand, dass das mir entgegengesetzte Geschlecht ein unhintergehbarer Faktor der sexuellen Selektion ist. Logisch, dass für mich als Mann die Frau (und für mich als Frau der Mann) von überproportionaler Bedeutung ist.

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Damit ist nicht gesagt, dass es diese Unterschiede nicht gibt. Aber die Über-Fokussierung auf die Hautfarbe oder die Geschlechtszugehörigkeit überdecken – wie übrigens auch die Überbetonung der Distinktion „Lehrer“ – alle anderen Unterschiede. Eines meiner Lieblingsbeispiele für den Umstand, wie willkürlich Unterschiede gezogen werden, ist die Begründung, mit der die katholische Kirche ausschließlich Männer zum Priesteramt zulässt. Sie lautet: Es war Jesus höchstpersönlich, der ausschließlich Männer zu seinen Jüngern auserkoren habe. Da könne die Kirche, die ja in seiner Nachfolge stehe, sicherlich nicht anders handeln.

Jesus Wahl traf jedoch nicht nur ausschließlich Männer, sondern auch ausschließlich Menschen aus Galiläa, ausschließlich aramäisch sprechende Menschen, ausschließlich Menschen aus den Reihen der Fischer, Handwerker und Zöllner, ausschließlich beschnittene Menschen, ausschließlich verheiratete Menschen und und und. Das Kriterium „Mann“ ist also nur eines unter vielen. Und dennoch ist es für uns bis heute das einzig entscheidende. Also auch hier wird die Doppeldeutigkeit des Begriffs „diskriminieren“ wirksam: Der Mann „unterscheidet“, um die andere Hälfte der Menschheit „auszugrenzen“.

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Wer in den 1980er oder 1990er Jahre sein Leben als Mitglied einer Minderheit fristete, konnte sich geradezu glücklich schätzen. Denn die Unterschiede zwischen ihnen und der Mehrheitsgesellschaft waren vielleicht vorhanden, spielten aber nahezu keine Relevanz. Uns ging es gut, soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Das änderte sich danach deutlich. Wie die Langzeit-Studie „Deutsche Zustände“ konstatiert, nehmen „Vorurteile gegenüber schwachen Gruppen“ (die so genannte „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“) seit einiger Zeit zu. Ob Ausländer, Schwule, Juden, Arbeitslose – diese und viele weitere Minderheiten werden zunehmend Ziel einer nicht einmal mehr versteckten Aggression.

Ursache, so konnte das Forscherteam um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer feststellen, sind u. a. „die Kontrollverluste der Politik gegenüber dem Finanzkapital und seiner Erpressungslogik, die Undurchschaubarkeit der Finanzkrise mit all den hochriskanten Finanzprodukten und Spekulationstaktiken, die Unkalkulierbarkeit der (Welt-)Märkte, unter anderem ausgelöst durch chronische Schwächen der nicht länger amtierenden Ordnungsmacht USA, die derzeit nicht in der Lage ist, die Realwirtschaft zu stabilisieren, eine Entmachtung demokratisch legitimierter Parlamente, aktuell zu beobachten angesichts der höchst bedrohlichen volkswirtschaftlichen Lage im Zuge der Schuldenkrise, sowie schließlich die prekäre Unkontrollierbarkeit insbesondere des islamistisch legitimierten Terrors, der sich zu einer latenten Dauerbedrohung mit einer entsprechenden psychischen Auswirkungen entwickelt hat.“ Wie volatil die Relevanz von Unterschieden doch sein kann…

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Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio weist darauf hin, dass es geradezu eine Überlebensfrage der ersten Einzeller gewesen ist, dass sie reproduzierbar immer wieder die richtige Unterscheidung treffen konnten – nämlich die Unterscheidung zwischen Stoffen, die sie in definierten Umfang in sich hin- und in verändertem Zustand wieder herauslassen, und den Stoffen, denen dieser Weg verwehrt wurde. Dieser Mechanismus der Homöostase – also die Fähigkeit, das innere Milieu trotz veränderlicher Umweltbedingungen in einem Balancezustand zu halten – war der Grund dafür, dass der Einzeller in einer tendenziell unwirtlichen Umwelt dennoch bestens klar kam.

Diese Funktion, bei der die Steuerung auf dieser niederen Ebene noch über physikalische Mechanismen und chemische Reaktionen erfolgte, haben – so Damasio weiter – bei höher entwickelten Wesen die Neuronen und die Emotionen übernommen. Angst, Freude, Schmerz, Wohlgefühl – diese Affekte und viele mehr steuern unser Verhältnis zur Welt und sorgen dafür, dass wir etwas meiden, was uns nicht gut tut, und dass wir begehren, was wir ganz toll finden. Aber mehr noch: Ohne die Affekte und Emotionen würden wir die vor unseren Sinnen unentwegt ablaufenden Szenen gar nicht bewerten und deuten können; im Gegenteil, sie wären wie die Bilder auf einer Kinoleinwand, die unentwegt eine lose Abfolge sinnfreier Blitze in den leeren Zuschauersaal feuern.

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Die aus den Tiefen des Unterbewusstseins hervordringenden Emotionen mitsamt ihrem materiellen Substrat aus Neuronen sind also die primäre Verbindung des Menschen zur äußeren Welt und unsere zentralen Impulsgeber. Alles andere folgt daraus. Im Jahre 1979 wies der Physiologe Benjamin Libet nach, dass der Willensentschluss rund eine Drittelsekunde, bevor er ins Bewusstsein tritt, als Hirnaktivität messbar ist. Ein Willensentschluss entsteht also nicht innerhalb, sondern außerhalb des Bewusstseins. Das sagt natürlich nichts über unsere Willensfreiheit aus. Denn sobald ein Willensentschluss in unser Bewusstsein getreten ist, können wir ihn ja noch ändern und in sein Gegenteil verkehren. Dem Impuls, jemandem Gewalt anzutun, müssen wir nicht blind folgen, wir können ihn mit Hilfe der Vernunft locker in uns ausbremsen.

Das ist auch gut so. Aber wie häufig lenken wir unsere unbewussten Impulse eben nicht in eine andere Richtung. Wie häufig finden wir etwas gut, weil wir es im Innersten gut finden. Wie häufig lehnen wir etwas ab, weil wir es im Innersten ablehnen. Und wie häufig beenden wir ein Statement im Rahmen einer hitzigen Debatte mit einem emphatischen „Das ist meine feste Überzeugung!“ – und merken nicht, dass wir den Boden der absoluten Gewissheiten auch damit nicht betreten, sondern lediglich einen Glaubensinhalt als rationale Letztbegründung missdeuten.

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Eine valide Letztbegründung wäre allerdings erforderlich, um auf dieser Basis ein Gebäude aus ewigen Wahrheiten bauen zu können, das allen Wettern widerstehen würde. Dann, aber auch nur dann, wäre mir erlaubt, auf jene herabzusehen, die diese letzte, die höchste Erkenntnisstufe nicht erklimmen würden. Wie gezeigt, taugen unsere erworbenen Gewissheiten allerdings nicht als Letztbegründung, weil sie durch die Bank perspektivisch und vorläufiger Art sind.

Drum merke: Wer Unterschiede zur Beschreibung der Welt bemüht, sollte dies mit aller gebotenen philosophischen Redlichkeit tun. Wer sie dazu missbraucht, um andere auszugrenzen und abzumeiern, bleibt, was ohnehin andere von ihm denken: besserwisserisch, überheblich und voller Ressentiments. Und irrlichtert auch weiterhin im seltsamsten aller Zeitalter herum: im Jahrzehnt des Lehrers.