Lothar Meggendorfer entfaltet die Welt

Lothar Meggendorfer entfaltet die Welt

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Dass die Welt ausschließlich in unserem Bewusstsein stattfindet – diese Denkfigur hat eine lange Tradition. Einer ihrer ersten Vertreter war der katalanische Philosoph und Theologe Ramon Llull. Im Jahre 1232 in Palma de Mallorca geboren, konnte ihn diese Vorstellung noch nicht schrecken. Denn damals lagen die seltsamen Umtriebe rund um Ballermann und Koma-Saufen noch in sehr ferner Zukunft. Hätte es das damals schon gegeben, hätte Llull dies sicherlich als ein Sein im seinem Kopf interpretieren und sich ernsthafte Sorgen um seine psychische Gesundheit machen müssen. So aber war die Welt noch in Ordnung, zumindest einigermaßen. Denn etwas störte ihn. Der Umstand, dass wir die äußeren Dinge nur über den Umweg unseres Bewusstseins wahrnehmen, war für ihn der eigentliche Grund, warum wir so unterschiedliche Meinungen über sie haben. Damit das alles ein Ende habe, entwickelte Llull eine Art „Papiermechanik“, die den Menschen in die Lage versetzen sollte, nur noch sinnvolle und wahre Sätze von sich zu geben. Er fertigte Scheiben von unterschiedlicher Größe an und befestigte sie so miteinander, dass sie sich wie Parkscheiben gegeneinander drehen ließen. Diese Scheiben waren mit Begriffen aus jeweils unterschiedlichen Kategorien versehen: mit theologischen Begriffen, die von allen drei großen Religionen akzeptiert waren, und mit wissenschaftlichen Begriffen der physischen Welt, die ebenfalls auf allgemeine Zustimmung stießen. Nun konnten die Menschen die Begriffe mit Hilfe dieser Maschine so miteinander kombinieren, wie sie es wollten – es kamen immer Sätze heraus, die keine zwei Meinungen mehr zulassen und vor allem den Leser von der Wahrheit der christlichen Religion überzeugen sollten. Das war sehr pfiffig. Da die Menschen sich über die göttliche Wahrheit nicht mehr einigen konnten, sollte es nun also eine mechanische Apparatur richten. Deus ex machina.

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Sie können sich vorstellen, dass diese durchaus positive, friedensstiftende Intention scheitern musste. Denn sie war ja nicht ergebnisoffen, sondern sollte Nicht- und Andersgläubige zu der Religion hinführen, der zufälligerweise unser mallorquinische Philosoph selbst anhing. Die vermeintlich objektivierende Mechanik wurde also in den Dienst einer Sache gestellt und durch diese in ihrer Bedeutung präfiguriert. Damit verlor diese epochale Erfindung erheblich an Überzeugungskraft auf Menschen anderen Glaubens, bevor sie sie noch entfalten konnte. Und doch: Hatte diese Mechanik ihr Zentralanliegen auch deutlich verfehlt, zeitigte sie doch Wirkungen, die auf anderen, sehr unterschiedlichen Feldern fruchtbar werden sollten. So lässt sich der moderne Computer ebenso auf dieses innovative Verfahren der Kombinatorik zurückführen wie die Versuche zur Entwicklung einer auf Logik aufgebauten Universalsprache. Und nicht zuletzt war sie der Startschuss für die Herstellung von so genannten „beweglichen Büchern“, also von Druckerzeugnissen mit mechanischen Bestandteilen. Als deren erster Wegbereiter im deutschsprachigen Raum sollte sich der Maler und Grafiker Lothar Meggendorfer erweisen. Ein überaus kreativer und produktiver Kopf, der seine ursprüngliche Ausbildung zum Mechaniker mit seinem künstlerischen Esprit verband. Damit produzierte er kolorierte, zumeist humorvolle Bücher mit Zug- und Drehtechniken ebenso wie mit Ausfalt- und Leporello-Ausführungen. Die Krönung seiner Arbeiten waren die so genannten Aufklapp- oder Pop-up-Bücher. Medien, bei denen sich beim Öffnen die unterschiedlichsten Welten mit Hilfe einer ausgefeilten Papiermechanik aufrichten. Lothar Meggendorfer entfaltet die Welt.

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Wer sich intensiv mit einem beliebigen Thema zu beschäftigen beginnt, dem präsentiert sich die Welt in einer seltsam veränderten Form. Wer etwa auf der Suche nach neuen Möbeln ist, dem fallen mit einem Male Möbelgeschäfte ins Auge, die er zuvor nie wahrgenommen hat, drängen sich Möbel-Anzeigen ins Gesichtsfeld, denen er zuvor kaum Beachtung geschenkt hätte, und mustert wie gebannt das Möbel-Inventar von Freunden und Bekannten, um dessen Design er sich zuvor keine Gedanken gemacht hat. Diese hypertrophierte Aufmerksamkeit für Informationen einer bestimmten Kategorie nennt sich „Salienz“. Stellen wir uns nun einen Menschen vor, der in sich eine Salienz nicht für Möbel, sondern für historische Baustile entwickelt hat und nun unter diesem Vorzeichen eine Stadt besucht. Sobald er ihren Boden betritt, steuert er per Autopilot auf romanische Kirchen zu, auf gotische Handelskontore, barocke Lusthäuschen, klassizistische Schlösser, Bürgerhäuser der Renaissance und und und. Sein Bewusstsein klammert sich wie eine Klette an alles, was er in den Fokus seines persönlichen Willens gerückt hat. Alles andere fällt demgegenüber in der Wahrnehmung zurück – oder ganz und gar aus dem Bewusstsein heraus. Innerlich beseelt und übervoll an Eindrücken, fährt dieser Mensch nun wieder heim und kehrt in sein alltägliches Leben zurück, das nun wieder seine ganze Aufmerksamkeit fordert. Eingefangen von seinen alltäglichen Wichtigkeiten, denkt er nur noch zuweilen an das Erlebnis dieses Besuches zurück. Aber dann, mit einem Male – vielleicht beißt er gerade in eine Madeleine – entfaltet sich alles wieder vor seinem inneren Auge: die romanischen Kirchen, die gotischen Handelskontore, die barocken Lusthäuschen, die klassizistischen Schlösser und die Bürgerhäuser der Renaissance – in den frischesten Farben, in der vollsten Pracht. Ein inneres Pop-Up-Buch mit einer sehr persönlich gefärbten urbanen Topografie, die nur sehr bedingt etwas mit jener Stadtlandschaft zu tun hat, die entstehen würde, rekonstruierte man sie mit objektivierenden, naturwissenschaftlichen Methoden.

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Es wird auch nicht besser, wenn man dieses innere Pop-up-Buch mit dem anderer Menschen vergliche. Der eine hätte eine innere Landkarte von den krassesten Clubs der lokalen Musikszene vorzuweisen, die andere eine plastische Vorstellung von den abgefahrensten Schuhgeschäften der Stadt, der dritte wüsste, weil Vater von drei Steppkes, bestens Bescheid um die coolsten Kinder-Spielplätze ever. Damit leben all die Menschen nicht gerade in vollkommen unterschiedlichen, in sich abgeschlossenen Welten. Denn über die objektiv rekonstruierbare Topographie lässt sich eine Übereinkunft zwischen allen herstellen. Dennoch bleibt ihr inneres Erleben grundverschieden und leitet sie auch in ihrer Wahrnehmung. Das Wort Existenz leitet sich aus dem lateinischen „existere“ ab und bedeutet: hervortreten, hervorstehen. Nur das, was mein inneres Pop-up-Buch hervortreten lässt, ist wirklich. Wie sehr dieser Sachverhalt auch gilt, wenn es über das Objekt der Wahrnehmung keinen Dissens gibt, beschreibt der Philosoph Ernst Cassirer: „Der Maler Ludwig Richter erzählt in seinen Lebenserinnerungen, wie er in Tivoli als junger Mensch zusammen mit zwei Freunden beschloss, jeder von ihnen solle dieselbe Landschaft malen. Alle waren fest entschlossen, nicht von der Natur abzuweichen; sie wollten das, was sie gesehen hatten, so genau wie möglich wiedergeben. Und doch kamen drei ganz verschiedene Bilder zustande, so verschieden voneinander wie die Persönlichkeiten der Künstler. Aus dieser Erfahrung zog der Erzähler den Schluss, dass es objektives Sehen nicht geben und dass Form und Farbe je nach dem individuellen Temperament verschieden aufgefasst werden.“

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Albert Einstein drückte seinen Argwohn über die damals brandaktuelle Quantenphysik einmal in der berühmten Frage aus: „Existiert der Mond auch dann, wenn wir nicht hinsehen?“ Damit reagierte er auf das seltsame Verhalten der Elementarteilchen, sich vollkommen verschieden zu verhalten, je nachdem, ob wir mit unseren Messinstrumenten „hinsehen“ oder nicht. Tatsächlich gilt in der Quantenphysik: Durch die Beobachtung verändern wir das, was wir beobachten. Nun, in Hinblick auf unsere „normale“ Welt um uns herum können wir auf die Frage Einsteins mit einem entschiedenen „Sowohl-als-auch“ antworten. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive können wir sagen: Ja, die Welt und die Dinge existieren auch dann, wenn wir nicht hinsehen. Aus Sicht der menschlichen Perzeption lautet die Antwort: Ja, sie existieren. Aber immer anders, je nachdem, wer gerade hinschaut, oder – wenn nur ich hinschaue – wann ich das tue. Das kann mit sehr unterschiedlichen Gründen zusammenhängen. Wir bringen ein unterschiedliches biologisches „Gepäck“ mit auf die Welt, wir erfahren eine unterschiedliche Sozialisation, wir haben unterschiedliche Gefühlshaushalte und momentane -stimmungen, wir haben unterschiedliche Interessen, wir haben unterschiedliche Lebenserfahrungen, wir leben in unterschiedlichen Milieus, wir haben unterschiedliche Überzeugungen und Werte, wir konsumieren unterschiedliche Medien und und und. Kein Wunder also, das daraus eine enorm große Bandbreite an Wahrnehmungen der Welt und Urteile über sie resultiert. Diese Vielfältigkeit ist ein wesentlicher Grund, warum der mallorquinische Philosoph Ramon Llull mit seiner ingeniösen Parkscheiben-Heuristik nicht sehr weit kommen konnte.

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Zum Glück, möchte man ausrufen. Denn der unüberschaubare Reichtum an Wahrnehmungen, die die Menschen in ihrer Gesamtheit zusammentragen, drückt sich in einem enormen Reichtum der Sprache aus. Deshalb jetzt mal ganz unter uns: Was wäre die Welt ohne Begriffe wie „Traumtänzer“, „liebesblöd“, „Dampfplauderer“, „schlummerlustig“, „Schattenparker“ oder „sehnsuchtstrunken“?

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Eben!