Orwell und der Biedermann. PC und kein Ende.

Orwell und der Biedermann. PC und kein Ende.

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Er war schon ein seltsam kauziger Zeitgenosse, dieser Alexander von Humboldt: „Als an einem warmen Frühlingstag ein heftiges Gewitter tobte, rannte Humboldt mit seinen Instrumenten ins Freie, um die Elektrizität in der Atmosphäre zu messen. Der Regen prasselte, und der Donner grollte über den Feldern, wild zuckende Blitze erhellten die kleine Stadt. Humboldt war in seinem Element. Als er am nächsten Tag hörte, dass ein Blitz einen Bauern und seine Frau getötet hatte, fuhr er rasch dorthin und holte sich die Leichen“.

Auch später blieb Humboldts Forscherdrang ungebrochen: „Er analysierte Bodenablagerungen, Klimamuster und die Ruinen der Inkatempel. Wenn seine Gefährten und er über Bergketten kletterten und in Täler hinabstiegen, stellte er seine Instrumente auf.“ Sie sehen: Diesem sonderbaren Menschen war die  Vermessung der Welt wichtiger als das Leben in und mit der Gesellschaft. Die allseits als Schönheit gerühmte Rosa Montúfar klagte einmal, „Humboldt scheine an seinen Vulkanbesteigungen mehr Gefallen zu finden als an der Gesellschaft hübscher Frauen“.

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Wir übergehen diese durchaus deftige erotische Aufforderung mit Stillschweigen und rufen statt dessen aus: Gott sei Dank war das so! So konnte der gute Mann seine romantischen Empfindungen ganz allein auf die Natur fokussieren. Tatsächlich gehen bei diesem Forscher die Ermittlung exakter Messwerte einerseits und die poetische Betrachtung von Fauna und Flora andererseits, gehen Äußeres und Innerlichkeit Hand in Hand. Für ihn war die Natur „kein mechanisches System mehr, sondern eine aufregende neue Welt voller Wunder“, wie seine Biographin Andrea Wulf betont.

Diese neue Weltsicht, die in seinen Werken einen sehr eigenen poetischen Ausdruck fand, hatte erhebliche Auswirkungen auf die Weltgeschichte. Der Unabhängigkeitskämpfer und spätere Diktator Simon Bolivár betonte, welche Bedeutung Humboldts Beschreibung der südamerikanischen Flora und Fauna hatte. Seine „Schriften hätten ihn und seine Mitrevolutionäre aus der Unwissenheit gerissen, sie hätten ihnen […] den Stolz auf ihren Kontinent gegeben“.

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Diese Aussage ist ein starkes Stück. Die kolonisierten Menschen entwickeln das Verständnis und die Liebe für ihre ureigenste Umwelt – also für eine Lebenswirklichkeit, die diese Menschen wie niemand sonst wie die eigene Westentasche kennen – erst durch den externen Blick dieses seltsamen Fauns aus dem fernen Europa. Und diese Liebe ist es, die den Unabhängigkeitskampf dieser Völker gegen die spanische Kolonialmacht beflügeln half. Und noch faszinierender: Es ist die nichts anderes als die Sprache, die dies alles so wunderbar ins Werk setzt.

Der im vorigen Post noch so von mir gebeutelte Medienwissenschaftler Norbert Bolz kommt zu ähnlichen Aussagen über die präfigurierende Kraft der Sprache auf unser Bewusstsein: „Denken Sie an ein ganz triviales Beispiel. Sie machen einen Urlaub in Rom, oder in Spanien oder wo auch immer, in Kreta. Sie würden nichts sehen, wenn Sie nicht irgendeinen Dumont-Reiseführer […] dabei hätten. […] Sie kriegen überhaupt nichts zu sehen im Sinne von unmittelbarer Erfahrung, wenn Sie nicht vorher ein bisschen gelesen haben.“

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Es ist exakt dieser Zusammenhang, der bei Charles Darwin wirksam war, als er mit der Beagle durch die Weltgeschichte schipperte: „Während der gesamten Reise auf der Beagle stand Darwin in einem inneren Dialog mit Humboldt […]. Humboldts Beschreibungen wurden fast zu einer Art Vorlage für Darwins eigene Erfahrungen“. Darwin selbst schreibt in sein Tagebuch: „´Gegenwärtig kann ich nur Humboldt lesen, […] er beleuchtet wie eine zweite Sonne alles, was ich sehe´“.

Wieder steht Norbert Bolz Pate, wenn er über die moderne Mediengesellschaft Vergleichbares feststellt: „Es gibt keinen anderen Zugang zur Welt als über die Medien. Und das betrifft auch gerade die so genannten eigenen Erfahrungen, die man macht. Alles, was man an eigenen Erfahrungen sammelt, wo auch immer, ist gefiltert durch irgendwelche Skripts, durch irgendwelche Drehbücher, die man sich angelesen hat oder die man sich im Fernseher selber assimiliert hat, und durch diese Schemata hindurch schauen wir die Welt an. Und die Medien sind sicher die wichtigste Kraft bei der Ausbildung dieser Schemata, durch die wir notgedrungen die Welt wahrnehmen. Und das gilt eben auch für Wissenschaftler. Niemand ist dagegen gefeit.“

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Exakt: Niemand ist dagegen gefeit. Dies soll folgendes Experiment zeigen, das ich bei Daniel Kahnemann gefunden habe. In seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken stellt er dem geneigten Leser zwei Personen vor und bittet uns zu beurteilen, wer vertrauenserweckender und sympathischer ist: Alan oder Ben.

Alan ist: intelligent – fleißig – kritisch – eigensinnig – neidisch.

Ben ist: neidisch – eigensinnig – kritisch – fleißig – intelligent.

Sind Sie nicht auch geneigt, Alan ein wesentlich besseres Zeugnis auszustellen als Ben? Und das, obwohl sich beide durch dieselben Attribute auszeichnen – nur in umgekehrter Reihenfolge? Ursache für diese unterschiedliche Beurteilung sind die ersten beiden Begriffe, die in sehr spezifischer Art auf die folgenden Begriffe ausstrahlen. Bei Alan vermögen es die vorangestellten positiven Begriffe, auch die folgenden, eher negativen Begriffe ins Positive zu wenden. Bei Ben gilt dasselbe – nur umgekehrt.

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Dieser so genannte Halo-Effekt ist nur ein Beispiel für den Umstand, wie sehr die Sprache unser Denken festlegt, ohne dass wir es merken. Für geborene Machtmenschen und Zyniker liegt in dieser Wirkung eine echte Versuchung, andere Menschen zu manipulieren und für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Für alle anderen, die mit gesunden Skrupeln gesegnet sind, ergibt sich – andersherum! – die nicht hoch genug zu veranschlagende Verantwortung, mit der Sprache sehr sorgsam umzugehen.

Hier haben wir einen Punkt erreicht, an dem wir ein ganz besonderes Schauspiel bewundern können: die Umwandlung des hellsichtigen und brillanten Wissenschaftlers Professor Bolz in jenen Mr. Hyde, den alle guten Geister verlassen haben. Denn offensichtlich kennt er keine Verwandten mehr, wenn es um die so genannte Political Correctness geht. Wie aus heiterem Himmel kritisiert er an ihr eine Tendenz zur Sprachreinheit – was wirklich verblüffen muss angesichts seiner zuvor zitierten, hellsichtigen Aussagen. Aber noch irritierender: Ein Wissenschaftler, zu dessen Handwerkszeug es gehört, mit einem sehr klaren Begriffsinstrumentarium zu arbeiten, mokiert sich über Sprachreinheit? Sachen gibt’s …

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Nicht er, aber andere gehen nun hin, ihren exorbitant hohen Bildungsstand dadurch zu beweisen, dass sie den Vorwurf des Sprachpurismus mit einem der berühmtesten Werke der Literaturgeschichte bebildern: Mit Orwells Roman 1984. Demnach agierten Befürworter einer gendergerechte Sprache wie die Gedankenpolizei aus des Engländers düsterer Phantasmagorie.

Tja nu: Weit daneben ist auch vorbei, denke ich spontan. Denn die, die so reden, beweisen damit im Grunde etwas völlig anderes: Dass sie von Orwell keine Ahnung haben. Deshalb im Folgenden nur einige schüchterne Hinweise.

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Bei Orwell erfolgt die sprachliche Manipulation der Menschen subkutan, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Das Ministerium schreibt Geschichte um, und es schleust die neuen Narrative kommentarlos in die öffentliche Kommunikation ein. Ähnlich verhält es sich mit den bisher gängigen politischen Begrifflichkeiten. Es ersetzt sie durch „kurze abgehackte Wörter mit unmissverständlicher Bedeutung, die schnell ausgesprochen werden konnten und nur ein Minimum von Widerhall im Bewusstsein des Sprechers auslösten.“ Es gibt weitere Merkmale der Manipulation, wie das durchgängig kommunizierte Freund-Feind-Schema („Emmanuel Goldstein“) oder die öffentlichen Parolen. Aber am wichtigsten: Das Orwellsche Szenario funktioniert nur, weil der Staat total ist und seinen Willen mit durchgängiger Überwachung und körperlichem Zwang durchsetzen kann. Ohne diesen äußeren Druck würde das gesamte Konstrukt in sich zusammenfallen wie ein Soufflé.

Das sind nur die wichtigsten Gründe, warum Orwells düsterer Weltentwurf nicht zur Beschreibung der gendergerechten Sprache taugt. Denn diese schleust keine neuen Begriffe unbemerkt in die deutsche Sprache ein. Im Gegenteil: Sie ist spätestens seit den 1980er Jahren in einen breiten öffentlichen Diskurs eingebettet, der bis heute nicht abreißt. Zudem sind Begriffe wie „BürgerInnen“ oder „Verkehrspolizist*innen“ alles andere als „kurz“ und „abgehackt“ und deshalb nicht geeignet, den Geist von Sender und Empfänger einzulullen. Die zahlreichen Aversionen, die diese Wortbildungen auslösen, sprechen hier eine deutlich andere Sprache. Und da der Staat wie auch die Bundesländer demokratisch verfasst sind, können sie die gendergerechte Sprache maximal in ihrem Herrschaftsbereich – in den Behörden, Schulen und anderen Einrichtungen – zwingend einführen. Jenseits dieser Grenze kann jeder auch weiterhin tun und schreiben was er will – und in seinem Blog der gesamten „Gender-Mischpoke“ den verbalen Stinkefinger zeigen, ohne befürchten zu müssen, dass ihm auch nur ein einziges Haar gekrümmt wird.

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Der Vergleich der gendergerechten Sprache mit Orwell ist also nichts als heiße Luft. Erneut zeigt sich, dass die PC- und Genderkritiker ihren Gegner nur deshalb so monströs aufblasen, um die eigene Wichtigkeit zu erhöhen. Einfach nur legitime Sprachkritik zu üben, das scheint diesen Menschen nicht zu genügen. Es muss mindestens ein endzeitlicher Kampf zwischen Gut und Böse beschworen werden, um den eigenen Standpunkt aufzuwerten.

Und weil der Bildungsbürger einmal so richtig in Fahrt ist, greift er erneut tief in die Mottenkiste der unpassendsten Vergleiche und fingert sich nun ein anderes, äußerst beliebtes Narrativ heraus: die Befürworter der gendergerechten Sprache und andere Gutmenschen führten sich auf wie die Jakobiner in den schlimmsten Tagen der Französischen Revolution. Und sehen Sie: Da muss ich diesen Menschen zum ersten Mal unbedingt recht geben. Mit ihrem Gerede rund um den Tugendterror beweisen sie tatsächlich, dass sie ihren Kopf längst verloren haben.

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Zum Abschluss nur ein kleiner Hinweis, wo Orwell tatsächlich steckt und durch die Risse unserer sich auflösenden Welt lukt: „Aber Jimmy, das Problem, ich meine, sieh einmal, ich bin dafür. Aber sieh doch mal, Leute kommen in unser Land, die gigantischen Schaden anrichten wollen. Sieh mal auf die zwei – sieh mal auf Paris. Sieh dir an, was in Paris passiert ist. Andere Leute werden sterben, sie sind so schwer verletzt. Wir haben ein echtes Problem. Da ist ein gigantischer Hass da draußen. Und was ich machen will, ist herausfinden, was es – weißt du, du kannst kein Problem lösen, bis du die Wurzel gefunden hast. Und ich will herausfinden, was ist das Problem, was ist los. Und, es ist temporär. Mich haben so viele Leute angerufen und gesagt: Danke.“

Erinnert uns das nicht an Orwells Hinweis auf „kurze abgehackte Wörter mit unmissverständlicher Bedeutung, die schnell ausgesprochen werden konnten und nur ein Minimum von Widerhall im Bewusstsein des Sprechers auslösten“? Gesprochen wurden sie von Donald Trump, dem Linguisten attestieren, dass 80 % seiner Reden aus Einsilbenwörtern bestehen. Aber mehr noch: Ein immer schon eingebautes Freund-Feind-Schema emotionalisiert die Texte und schaltet damit Verstand und kritisches Denken aus. Und nicht nur das: Auch die Struktur der Sprache selber muss dran glauben, sobald diese in den Mundraum des amerikanischen Immobilienhais gerät. Das ist Sprachmanipulation vom Feinsten.

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Und so sende ich ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel und bitte flehentlich den allmächtigen Herrgott darum, dass er ein Einsehen haben möge mit unseren scharfsinnigen Sprachkritikern und sie dazu bringt, ihren Orwell erst einmal richtig zu lesen.

Und danach „Biedermann und die Brandstifter“.