Von „Heureka“ zu „Aha“. Eine kleine Geschichte der großen Entdeckungen

Von „Heureka“ zu „Aha“. Eine kleine Geschichte der großen Entdeckungen

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Wer heutzutage nackt durch die Straßen läuft und wie von Sinnen „Heureka“ ruft, wird sicherlich binnen kürzester Zeit auf Nimmerwiedersehen in die Psychiatrie eingewiesen. Nicht so bei jenem Helden, der eine besondere Nuss zu knacken hatte: Er sollte herausfinden, ob die Krone des Königs von Syrakus wirklich aus Gold oder vielleicht nicht doch aus einem minderen Material besteht. Obwohl die Frage für den König von hoher Bedeutung war, schränkte er den möglichen Erfolg der Untersuchung durch eine nicht unwichtige Bedingung ein: die adlige Kopfbedeckung sollte auf keinen Fall beschädigt werden. Archimedes befand sich (der Legende nach) gerade in der Badewanne, als ihm die Lösung einfiel. Seine Überlegung: Pures Gold bewirkt eine andere Wasserverdrängung als ein Gemisch aus Gold und einem anderen Metall – bei identischem Gewicht versteht sich. Archimedes war so berauscht von seinem Einfall, dass er wie von Sinnen aus der Wanne sprang und nackt, wie ihn der liebe Gott geschaffen hatte, … aber den Rest der Geschichte kennen Sie ja. Lauschen wir nun dem Heureka-Moment zu, den Werner Heisenberg auf Helgoland nach seiner Entdeckung der Quanten-Mechanik erlebte: „Im ersten Augenblick war ich zutiefst erschrocken. Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merkwürdiger innerer Schönheit zu schauen, und es wurde mir fast schwindelig bei dem Gedanken, dass ich nun dieser Fülle von mathematischen Strukturen nachgehen sollte, die die Natur dort unten vor mir ausgebreitet hatte. Ich war so erregt, dass ich an Schlaf nicht denken konnte.“ Wie gut, dass sich Heisenberg gerade nicht in der Badewanne befand. Sicherlich ordentlich bekleidet „verließ ich in der schon beginnenden Morgendämmerung das Haus und ging an die Südspitze des Oberlandes, wo ein alleinstehender, ins Meer vorspringender Felsturm mir immer schon die Lust zu Kletterversuchen geweckt hatte. Es gelang mir ohne größere Schwierigkeiten, den Turm zu besteigen, und ich erwartete auf seiner Spitze den Sonnenaufgang.“

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Heureka-Momente dieser Art ergreifen vermutlich alle Menschen, die das bis dato Unvorstellbare vorstellbar machen und die Zeit mit scharfem Schnitt in ein Vorher und Nachher teilen. Sie sind wir säkulare Offenbarungen, die ein hermetisch verborgenes Geheimnis mit einem Male freilegen und damit den Blick auf die Welt für immer verändern. Das gilt für alle großen Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit – von der Erfindung des Rades bis hin zur Entdeckung des Higgs-Bosons. Und dieses Ent-decken des zuvor Ver-deckten geschieht in der Regel gegen den Widerstand der Sprache. Wer in dem Narrativ zu denken gewohnt ist, dass sich die Sonne um die Erde dreht, wird nicht einfach mal so auf den Trichter kommen, dass es sich genau anders herum verhält. Wer fest in der Überzeugung aufwächst, dass alle Wesen von Gott erschaffen sind, wird nur schwer zu der Überzeugung gelangen, dass die Entstehung dieser Wesen ganz gut ohne göttliches Zutun auskommt. Wer es in der Schule eingebimst bekommen hat, dass Licht aus Wellen besteht, dem wird es schwerfallen anzunehmen, dass es eine granulare Struktur hat, wie das Beispiel Max Plancks zeigt. Die von ihm beobachtete charakteristische Spektralverteilung der Hohlraumstrahlung konnte er mathematisch nur erklären, wenn er Wärmestrahlung nicht als ein Wellenphänomen, sondern als eine Abfolge aus einzelnen („diskreten“) Energiepaketen begriff. Weil dies allem widersprach, was er bis dato gelernt hatte, bereitete ihn diese Vorstellung echte Probleme. Deshalb genehmigte er sich diese Annahme – wie er sagte – nur aus einem „Akt der Verzweiflung“, ohne ernstlich an ihren Wahrheitsgehalt zu glauben. Und auch später – im Grunde Zeit seines Lebens – haderte er mit seiner eigenen, bahnbrechenden Entdeckung. Ein schönes Beispiel für den Umstand, dass Sprache sich dem Neuen beharrlich widersetzt.

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Sprache hat also eine Doppelfunktion. Zum einen ist sie ein Instrument der Enthüllung. Die genannten Beispiele zeigen, wie die Menschen mit Hilfe der Sprache das Geheimnis freizulegen vermögen. Genau in diesem Moment erfolgt die Verwandlung der Erkenntnis in ein Narrativ, das in das kollektive Gedächtnis eingeht und in dieser Form eine hohe Verbindlichkeit für die gesamte Kulturgemeinschaft entwickelt. Dieser Vorgang macht die Sprache zugleich zu einem Faktor der Verhüllung. Die Menschen lernen, in den Bahnen des neuen Mems zu denken und dieses immer wieder zu reproduzieren. Das versperrt (für einen gewissen Zeitraum) den Zugang zu neuen Erkenntnissen. Um aus den ausgetretenen Pfaden auszubrechen, bedarf es der Kreativität, des genialen Geistesblitzes, zuweilen auch der Distanz zum herkömmlichen menschlichen Getriebe. Diesen Übergang von der Verhüllung zur Enthüllung lässt sich ebenfalls sehr schön am Beispiel Heisenbergs zeigen, der erst einmal einen ganzen Berg erlernter Verfahren der mathematischen Sprache beiseite räumen musste, um einen klaren Blick auf seine Lösung zu bekommen: „In Helgoland gab es außer den täglichen Spaziergängen auf dem Oberland und den Badeunternehmungen zur Düne keinen äußeren Anlass, der mich von der Arbeit an meinem Problem abhalten konnte und so kam ich schneller voran, als es mir in Göttingen möglich gewesen wäre. Einige Tage genügten, um den am Anfang in solchen Fällen immer auftretenden mathematischen Ballast abzuwerfen und eine einfache mathematische Formulierung meiner Frage zu finden.“ Damit hat Heisenberg das Wesen der Kreativität eindrucksvoll auf den Punkt gebracht: sie ist das Vermögen, aus bisher vorgegebenen Denktraditionen und -schablonen auszubrechen und davon vollkommen unabhängige Lösungen zu finden.

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So wie der geniale Entdecker durch seine Entdeckung einen neuen Blick auf die Welt bekommt, so auch die Zeitgenossen, sobald sie die Nachricht davon erhalten. Das „Heureka“-Erlebnis, in dem der Entdecker-Stolz der eigenen Urheberschaft mitschwingt, wandelt sich in ein „Aha“-Erlebnis aller anderen. Die Grunderfahrung ist bei beiden identisch: mit der Entdeckung wirft der Mensch eine lang gehegte Denkschablone über Bord und ersetzt sie durch – eine neue. Wissenschaftlicher ausgedrückt findet hier ein Paradigmenwechel statt, die Ablösung eines Systems an Deutungskategorien durch ein neues. Während allerdings der Entdecker sein neues Denkschema aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Dingen gewinnt, erhalten die Mitmenschen sie immer schon vermittelt durch die Sprache. Ihnen ist es in der Regel verwehrt, diese Forschungsarbeit selbst nachzuvollziehen. Sie müssen den Wahrheitsgehalt dessen, was ihm sprachlich übermittelt wird, glauben. Sicherlich müssen diverse Begleitfaktoren dazukommen, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Der Theorie eines Menschen, der – wie Heisenberg – schon in jungen Jahren in den Olymp seiner Fachwissenschaft aufgestiegen ist, ist eher zu trauen als der eines namenlosen Dilettanten. Eine Theorie, die die Fachkolleginnen und -kollegen auch nach eingehender Prüfung nicht falsifizieren können, genießt eine höhere Glaubwürdigkeit als eine Theorie, die aufs Einfachste hätte auseinandergenommen werden können. Eine Theorie zuletzt, die durch spätere Forschungsergebnisse immer weiter vervollständigt werden, ist ebenfalls bestens geeignet, das Zutrauen in sie zu festigen.

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Und dennoch ist jede Theorie und jeder Vorstellungsgehalt sprachlich vermittelt, und der heute sicherlich etwas angestaubte Begriff des Paradigmenwechsels erinnert uns daran, dass Sprache nicht die Dinge in der (physikalischen) Welt mit einem Male „objektiver“ beschreibt, sondern allein unser Denken über diese Dinge verändert. Wir ersetzen eine Brille durch eine andere. Grund für diesen Brillenwechsel ist nicht, dass er uns mit einem Male den Blick auf die Wahrheit erlaubt, sondern dass er mehr Daten als zuvor dazu bringt, mit unseren Detektionssystemen in Wechselwirkung zu treten – wobei es diese Systeme festlegen, was als Datum zu gelten habe. Denn diese Detektionssysteme sind keine Tabula rasa, sondern bringen immer schon eine innere Struktur mit. Und deshalb ist auch Sprache weniger deskriptiv, als vielmehr konstitutiv (um nicht zu sagen konstruktiv). Darauf weist auch der Sprachphilosoph Charles Taylor in einem anderen Zusammenhang hin. So wie sprachlich vermittelte wissenschaftliche Entdeckungen a la Heisenberg (oder Einstein oder Kopernikus oder Darwin) für die Menschen wie eine Offenbarung des zuvor Verborgenen sind und einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen, so sind für Kinder im Zuge des Spracherwerbs jedes neue Wort und jedes neue Narrativ eine Offenbarung. Hier wechseln die Aha-Erlebnisse in schneller Folge ab, die dem Nachwuchs die Sinnbezüge dieser Welt mehr und mehr erschließen. Im Zuge des Erwachsenwerdens nimmt die spürbare Verzauberung der Welt durch die Sprache sukzessive ab, weil das Verhältnis zwischen den neuen und den bereits sattsam eingeübten Begriffen immer weiter zugunsten der letzteren kippt. Am Ende dieses Prozesses haben wir das Gefühl für die Umstand verloren, dass wir uns in einer gänzlich sprachlich erschaffenen Welt bewegen. In diesem Moment sind wir uns sicher, dass wir die Welt mit Hilfe der Sprache lediglich beschreiben – anstatt die Bedeutungen zu reproduzieren, die wir den Dingen zuvor in einem konstruktiven Akt zugewiesen haben. Und so stabilisieren wir mit jedem Wort und jedem Satz die Konstruktion unserer Welt, bis ein neuer Heisenberg kommt, der an der einen oder anderen Stelle bauliche Veränderungen an unserem Weltverständnis vornimmt.