Wann ist ein Mann ein Mann? Stolperfallen eines Identitätsgefühls

Wann ist ein Mann ein Mann? Stolperfallen eines Identitätsgefühls

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Bertrand Russell berichtet von Platon, dass dieser sich einen Snobismus der besonderen Art gegönnt habe. So betonte der alte Grieche zuweilen, dass er keiner sei, der für seine philosophischen Unterweisungen Geld nähme. Diese Spitze richtete er freilich gegen die Denkschule des Sophismus, der er vorwarf, dass deren Vertreter genau das täten: Sich für ihre Leistungen auszahlen zu lassen. Eine von Platons Abwertungsnarrativen bestand also darin, den Sophisten ihren Materialismus vorzuwerfen.

Nun muss man wissen, dass Platon finanziell so gestellt war, dass er anderer Leute Geld überhaupt nicht nötig hatte. Ein Aristokrat durch und durch. Begütert, wie er war, hatte er alle Freiheiten, tun und lassen zu können, wonach ihm gerade der Sinn stand. Und wenn er unterrichtete, dann unterrichtete er. Und wenn er sich in seinen Höhlenmalereien ergehen wollte, so erging er sich in seinen Höhlenmalereien. Und wenn er auf Reisen gehen wollte, dann tat er auch das. Alles bestens also.

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Nun, wie wir alle wissen, ist Platon schon lange tot. Überlebt hat allerdings die Arroganz des Privilegierten – bis auf den heutigen Tag. Denn was ist es anderes als Arroganz, wenn der Medienwissenschaftler Norbert Bolz – ja, er schon wieder – seine PC-Kritik daran festmacht, das man als Wissenschaftler nicht mehr seine Meinung sagen dürfe, weil man ansonsten befürchten müsse, nicht mehr befördert zu werden?

Das ist ein wirklich drolliges Argument. Denn Bolz ist Beamter. Und Beamte erkaufen sich ihre Privilegien mit einem besonderen Loyalitätsversprechen ihrem Dienstherrn gegenüber. Sie haben ihre in der Regel gut dotierte Anstellung also nicht deshalb erhalten, um eigene Meinungen zu ventilieren. Sie haben ihre Anstellung, um die im Rahmen einer Jobbeschreibung festgelegten Aufgaben so gut es geht zu erfüllen. Professoren zum Beispiel haben die Aufgabe, zu forschen und zu lehren. Richter haben die Aufgabe, Recht zu sprechen. Polizisten haben die Aufgabe, Ganoven zu jagen. Und so weiter und so fort.

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Deshalb sei es hier noch einmal ausgesprochen: Wer seine eigene Meinung äußert, tritt immer jemandem auf die Füße – und kann also negative Konsequenzen für sich nicht ausschließen. Das ist – zugegeben – Mist. Das ist allerdings auch kein Alleinstellungsmerkmal verbeamteter Professoren. Das geht allen anderen Menschen genau so, selbst wenn sie mit ihrer Meinung recht hätten. Wenn ein katholischer Pfarrer das Konstrukt der Dreieinigkeit infrage stellt, dann kann auch das die Beziehung zum eigenen Dienstherrn deutlich eintrüben, obwohl es für diese Meinung einen Haufen wissenschaftlich gut begründeter Argumente gibt.

Wenn ein freiberuflicher Fachmann für Kommunikation – ja, ich rede von mir – sich in seinem Blog den Luxus einer eigenen Meinung gönnt, dann kann das tatsächlich dazu führen, dass er den einen oder anderen potenziellen Auftraggeber abschreckt, obwohl seine Meinung die Qualität seiner Kernkompetenzen ja nicht antastet. So ungerecht kann die Welt sein. Und sie wird noch ungerechter, wenn man sieht, wie meinungsstarke Frauen, die sie sich in der Öffentlichkeit laut und vernehmlich positionieren, mit netzgetriebenen Hasskommentaren zu kämpfen haben – bis hin zu Mordaufrufen.

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Was die sich alle so anhören müssen, geht auf keine Kuhhaut. Dunya Hayali sei „eine elende, dreckige Systemnutte“. Nina Reschke: „die Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure“. Claudia Roth: eine „ungelernte hässliche Fotze“. Margarete Stokowski: eine „plastiknutte zum aufziehen auf schwerer droge“. Im Folgenden noch weitere Beispiele, diesmal wahllos von www.hatr.org gefischt:

Ich war auch mal pazifist aber langsam freue ich mich auf den nächsten Krieg um es euch weibern heimzuzahlen. Ich Frauen gehört jeden Tag vergewaltigtr einfach nur damit ihr eure dreckigen verlogenen Fressen haltet.“ Oder: Du bist ne typische Dreckfemanze alles was Frauen passiert ist das Patraiach, alles was Männern passiert ist “selbst schuld”. Ich würde dir mit grösstem Vergnügen deine dreckige Fotze aufschlitzen bis zum Arschloch.“ Oder: Ich fühle mich nicht , nein ich BIN (raffst du das Muschi?) Opfer und unterdrückt weil ich eben NICHT (raffst du was das wort heisst?) die gleichen Rechte habe wie Frauen. Ihr seid “gut” im verdrehen von Tatsachen und Wahrheiten. Ihr kotzt mich nur noch an und ihr Femis gehört vor die Wand gestellt.“

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Über die Linguistin Lann Hornscheidt weiß die Süddeutsche Folgendes zu berichten: „Mehr als drei Jahre ist es her, dass Hornscheidt auf der Webseite des Lehrstuhls darum bittet, geschlechtsneutral angesprochen zu werden – und mit dem Titel Profx., auszusprechen Professiks. Bis heute vergeht auf Twitter oder Facebook seitdem kaum ein Tag, an dem nicht ein hämischer Post zu Hornscheidt auftaucht. Männer drohten Vergewaltigungen an, versehen mit dem Hinweis, dass Hornscheidt dann wisse, wer „sie“ sei. Ein Mann dichtete alte Nazilieder mit Mordaufrufen um, bei der er das Wort „Jude“ durch „Lann“ ersetzte.“

Der Irrsinn daran: Die Leute sind, so darf man annehmen, durch die Bank Gender-Gegner. Gleichzeitig gendern sie, was das Zeug hält. Denn sie argumentieren nicht sachbezogen nach dem Motto: Du hast keine Ahnung, weil … Oder: Das ist unwahr, weil … Oder: Du argumentierst zu undifferenziert, weil … Nein, sie sagen: Du darfst nicht mitreden, weil Du eine Frau bist – oder auch: Muschi, Fotze, Hure, Nutte. Drum merke: Bei manchen Männern findet der Umschlag von Frauenverehrung in Frauenverachtung immer genau dann statt, wenn der offensichtlich als „natürlich“ empfundene Primat des Mannes, eine eigene Meinung zu haben, in Frage gestellt wird.

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Sicherlich haben die verbeamteten, wutgetriebenen und bestens etablierten Nörgler dieser Republik auf die eine oder andere Art von diesen extrem bedenklichen Entwicklungen gehört. Vielleicht schüttelt der eine oder andere zuweilen auch gelinde den Kopf, wenn er abends am Kamin von seinem Rotwein nippt. Verschanzt hinter ihren Privilegien, kommt es ihnen offensichtlich aber nicht in den Sinn, diese profunden Einschüchterungen und Mordaufrufe mit ihrem eigenen Lamento rund um die vermeintliche Kultur der Sprechverbote in Beziehung zu setzen.

Deshalb nur eine Frage: Wenn das legitime Gegenargument bereits als Orwellsche Gedankenpolizei und blutrünstiger Jakobinismus erscheint – mit welcher Analogie aus Literatur und Geschichte ließen sich dann diese Monstrositäten belegen? Mit „Vernichtungskrieg“? Aber nein, auch dieser Weg ist mir versperrt, da dieser Begriff bereits von einem der prominentesten Wutbürger der ersten Stunde belegt ist: von Matthias Matussek. Mit diesem Wort bringt er das vermeintliche Ziel des Feminismus auf den Begriff, die männliche Identität zerstören zu wollen.

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Deshalb die nächste Frage: Wenn der bloße Umstand, traditionelle Geschlechter-Vorstellungen im Rahmen eines gesellschaftlichen Diskurses [!] zu hinterfragen, bereits als so lebensbedrohlich erscheint, dass sie zu derartigen verbalen Entgleisungen führen … wie brüchig muss die männliche Identität eigentlich schon vorher gewesen sein? Diese Frage führt mich direkt weiter zu der noch grundsätzlicheren: Was ist das eigentlich, die männliche Identität?

Oje! An dieser Stelle muss ich innehalten, einmal tief durchschnaufen und feststellen, dass es mir hierbei geht wie dem Philosophen und Kirchenvater Augustinus, den auch Matussek zuweilen gerne im Munde führt. Auf die selbstgestellte Frage, was Zeit sei, antwortete der Mann aus Hippo bekanntlich: „Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ So geht es mir mit der Beschreibung der männlichen Identität.

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Fangen wir deshalb lieber mit etwas Leichtem an. Wenn ich mit Herz und Seele einem Fußballverein – sagen wir: Schalke 04 – anhänge, so bin ich im selben Moment ein „Schalker“, auch wenn ich kein Vereinsmitglied bin. Zudem werde ich dann – egal, ob ich Deutscher oder Türke, groß oder klein, Ästhet oder Maurer, dick oder dünn, männlich oder weiblich bin – auch von anderen bereits beim ersten Hingucken als „Schalker“ akzeptiert, sobald ich mich in der Fankurve zu ihnen geselle. Im Fußball – und anderen Sportarten – gibt es das also noch: das ungebrochene Identitätsgefühl.

Schwieriger wird es schon bei der nationalen Identität. Obwohl ich niederländische Vorfahren habe, empfinde ich deutsch. Das weiß ich spätestens, seit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im WM-Endspiel 1974 das niederländische Team mit 2:1 besiegt hat. Und da ich in Deutschland geboren bin, die deutsche Sprache beherrsche, in punkto Hautfarbe in diese Region passe und sich mein Nachname auch als eine westfälische (also deutsche) Namensform lesen lässt, werde ich zudem fraglos als Deutscher akzeptiert. Damit kommt alles zusammen, das für ein ungebrochenes deutsches Identitätsgefühl erforderlich ist. Andere Deutsche – ich denke an deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund wie Cem Özdemir – hatten und haben es mit der allgemeinen Anerkennung sicherlich schwerer.

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Eine ungetrübte Identität entsteht also durch das Zusammenspiel aus einem inneren Zugehörigkeitsgefühl und dessen Bestätigung durch die eigene Peer Group. Und da wird es bei der männlichen Identität mit einem Male äußerst diffizil. Hier reicht es gerade nicht, mit einem männlichen Geschlechtsmerkmal auf die Welt gekommen zu sein und damit in den Folgejahren jede Menge – sicherlich beachtenswerter – Kunststücke vollführen zu können. Als Mann muss man mindestens stark sein und dominant und durchsetzungsstark und rational und autark und wie die Zuschreibungen sonst noch alles so lauten … ansonsten ist man kein Mann … also kein richtiger Mann.

Es ist also ironischerweise nicht das biologische Geschlecht des Mannes, das das männliche Identitätsgefühl begründet, sondern geschlechtsneutrale Kriterien. Geschlechtsneutral deshalb, weil es eben auch Frauen ohne Ende gibt, die zweifellos stark sind und dominant und durchsetzungsstark und rational und autark und und und … Bei diesen Frauen ist Mann allerdings sehr schnell gewillt, ihnen alle Weiblichkeit abzusprechen, ohne ihnen gleichzeitig – jetzt kommt der besondere Dreh – im gleichen Maße eine männliche Identität zuzubilligen … eben weil … logisch … sie haben ja keinen Penis. Und so verwandeln sich geschlechtsneutrale Kriterien in eindeutig männliche Charaktermerkmale. Sie sehen: In solch verworrene Gänge kann sich menschliches Denken verirren.

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Nun, da die genannten Attribute dem weiblichen Zugriff glücklich entzogen sind, entfalten sie ihr ganzes Potenzial im Rahmen einer Initiation, deren kategorischer Imperativ lautet: „Erst wenn Du diese „männlichen“ Attribute erfüllst, gehörst Du zu uns – zu den richtigen Männern“. Damit fängt das Drama an. Denn leider kann nicht jeder Mann gleichermaßen diese Anforderungen erfüllen. Und so kann sich auch nicht bei jedem Mann eine geglückte „bruchlose“ männliche Identität entwickeln, eben weil die Peer Group die Anerkennung verweigert – und der einzelne Mann sich selbst auch. Denn in der Regel korrespondiert die äußere Abwertung mit der inneren Selbstverkleinerung.

Es ist also unsere Kultur selbst, die die männliche Identität bereits in ihren Anfängen gründlicher zerstört hat als dies ein noch so bizarres feministisches Pamphlet je zu leisten in der Lage wäre. Das durchgängig aggressive Verhalten von Matussek, aber auch von den oben zitierten ebenso anonymen wie misogynen Wutbürgern ist also nicht Ausdruck einer ge-, sondern einer misslungenen männlichen Identitätsbildung. Die Selbstverachtung veräußert sich und findet ihr Objekt nun in den feministisch bewegten Frauen oder wahlweise auch in allen Frauen. Psychologen sprechen bei solchen innerseelischen Vorgängen dann von Projektion. Nur wer seine Identität ausbilden konnte gemäß seiner inneren Bedürfnisse und eben nicht aufgrund auferlegter Erwartungen, wird seinen sichereren Grund immer in sich selbst finden. Er braucht dann kein äußeres Feindbild – und keinen aggressiven, sich maßlos aufplusternden Opferstatus.