Warum Lionel Messi nicht Fußball spielen darf.  Oder: Wie das PC-Meme die Köpfe erobert.

Warum Lionel Messi nicht Fußball spielen darf. Oder: Wie das PC-Meme die Köpfe erobert.

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Stellen Sie sich einmal Lionel Messi vor, der eins ums andere Mal in der Startformation des FC Barcelona aufläuft, während des Spiels eine „Bude“ nach der anderen macht und am Ende zum Man of the Match gekürt wird. Sicherlich sagen Sie jetzt: Das muss ich mir nicht vorstellen. Das ist ja eigentlich immer so! Recht haben Sie.

Aber stellen Sie sich nun weiter vor, derselbe Lionel Messi würde nach jedem Spiel vor jeder Kamera, die sich ihm in der Mixed Zone darbietet, ganz fidel erklären, ihm sei es verboten, vor aller Öffentlichkeit Fußball zu spielen. Jetzt mal ehrlich: Würden Sie ihn nicht für mindestens so gaga halten wie seinen Landsmann Diego Maradona? Und wieder hätten Sie recht!

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Nun haben wir es seit Jahren mit einem ähnlichen Phänomen zu tun –  mit dem Umstand, dass Personen mit einiger Prominenz vor aller Öffentlichkeit mit enervierender Beharrlichkeit mit dem Mantra aufwarten, dass sie nicht sagen dürfen, was sie denken. So etwa Thilo Sarrazin, der von Flensburg bis zum Bodensee mit der erstaunlich wirkungsvollen Meinung die Säle füllt, man könne in Deutschland nicht mehr seine Meinung sagen.

Wie der Herr sos Gescherr: Denn der große Thilo – von Art und Habitus der geborene Ärmelschoner – findet jede Menge Nachahmer, die Zeit ihres Lebens eine ähnlich staubtrockene Schreibstubenluft geatmet haben müssen wie er. Anders ist nicht zu erklären, warum sie in so kritikloser Weise diesen seltsam verquasten Brei nachlöffeln, den er – und andere – ihnen vorkauen. Vor einigen Tagen hat ein AFD-Politiker der Kanzlerin vor aller Öffentlichkeit ins Gesicht gesagt, dass wir in einer Diktatur leben, in der die Meinungsfreiheit abgeschafft worden sei. Und danach wurde er – echt shocking! – nicht verhaftet.

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Kennen Sie Fortnite? Wenn nicht, dann macht das nix. Ich kannte es bis vor kurzem auch nicht. Deshalb in aller Kürze: Fortnite scheint irgendwie ein digitales Ballerspiel zu sein, in dem die Spieler gemeinsam eine Festung errichten müssen, um sich gegen die nachts herumstreunenden Zombies zu verteidigen. Oder so ähnlich.

Nun hat die „Sportschau“-Moderatorin Julia Scharf öffentlich eine Diskussion anregen wollen zu der Frage, ob es sich bei Fortnite wirklich um eine Sportart handelt oder nicht – und hatte stante pede einen veritablen Shitstorm an der Backe. Stern online dazu: „Auf Twitter reagierten viele Zuschauer empört“.

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Wer eine eigene Meinung äußert, tritt immer jemand anderem auf die Füße. Nur potenziert sich die Wirkung in Zeiten von facebook, twitter & Co. ins Unermeßliche. Denn im Netz findet sich immer jemand, der übel nimmt. Und leitet die Nachricht weiter an seine Brüder (und Schwestern) im Geiste, die – wie er – ebenfalls gerne mal übel nehmen. Die Empörung geht viral und führt dazu, dass angesichts eines 80-Millionen-Volkes nur ganz wenige Trolle (also ein eigentlich vernachlässigbarer Prozentsatz mit vielen Nullen hinterm Komma) ausreichen, um eine Riesenwelle auszulösen.

Und weil es immer etwas gibt, woran man Anstoß nehmen kann, jagt mittlerweile eine Empörungswelle nach der anderen durchs Netz. Das kann man gut finden oder auch nicht. Aber so verhält es sich nun mal und wird auch schulterzuckend so hingenommen … bis eine dieser Empörungswellen die eigene Meinung trifft. Dann heißt es mit einem Male: Man dürfe nichts sagen, es werde einem das Reden verboten. Auch diese Reaktion ist noch nachvollziehbar. Dennoch haben einige daraus ein Geschäftsmodell entwickelt, mit dem sich Aufmerksamkeit gewinnen und Kasse machen lässt: die larmoyante Kritik der so genannten Political Correctness (PC).

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Angesichts dieses mittlerweile wie Mehltau auf den Dingen lastende Selbstmitleid der wackeren Anti-PC-Kämpfer vermisst man geradezu die alten politischen Schlachtrösser der Bonner Republik, die Straußens und Schmidts und Kohls und Wehners. Wie sie dem härtesten Gegenwind trotzten. Ja, wie sie geradezu zur Hochform aufliefen, je bedrohlicher der sich zu einem Orkan aufbaute. „Für intelligente Zwischenrufe bin ich besonders dankbar!“, rief einmal ein damals noch als „Schmidt Schnauze“ bekannter Nachwuchspolitiker des Wahlkreises Hamburg-Bergedorf aus. „Da entfaltet sich mein rhetorisches Talent!“

Sie lamentierten nicht groß über Empörung, Moralismus und Sprechverbote. Für sie gehörten diese Phänomene zum üblichen politischen Schlachtgetümmel – und setzten sich stumpf drüber hinweg. Übrigens noch bis ins hohe Alter: Der alte Schmidt schmauchte seine Zigaretten vor aller Augen auch dann noch, als das Rauchen im öffentlichen Raum schon lange nicht mehr als opportun galt. Und so entwickelte sich der Altkanzler am Ende noch zum Kult: „Loki und Smoky“ lassen grüßen.

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Damit sind wir beim Kern der PC-Kritik gelandet. Die Stigmatisierung abweichender Meinungen ist ubiquitär, mithin kein Alleinstellungsmerkmal nur einer Gruppierung. „Es wäre unsinnig zu leugnen, dass es nicht den Versuch gäbe, Diskursgrenzen abzustecken“, schreibt Jan Fleischhauer, nicht gerade linksradikaler Umtriebe verdächtig. Jedoch: „Diese Art der Erledigung unliebsamer Auffassungen durch Ausgrenzung oder Tabuisierung gehört seit Aristoteles zum politischen Geschäft.“

Das PC-Meme sei – so Fleischhauer weiter – von einer genuin linken Diskursstrategie abgekupfert worden: „Das PC-Opfer ist die rechte Gegenfigur zum linken Minderheitendiskurs. Was in dem einen Fall das Patriarchat, die herrschenden Eliten oder ganz allgemein das System, sind im anderen die Wächter der Political Correctness. So tröstlich der Gedanke sein mag, dass einen höhere Kräfte niederhalten, so wenig hat dies in der Regel mit der Realität zu tun.“

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Die wackeren Anti-PC-Kämpfer kultivieren also sorgsam einen Opferstatus. Aber wie befreit man sich daraus? Fleischhauer gibt guten Rat: „Nur weil jemand versucht, einem den Mund zu verbieten, heißt das allerdings noch lange nicht, dass man den Versuch auch hinnehmen muss. Es gibt viele Möglichkeiten, die Diskurshoheit zurückzuerobern. Man kann widersprechen oder seinerseits versuchen, Grenzen zu ziehen. Besonders wirksame Waffen im Kampf gegen Meinungsmonopole sind Ironie und Spott.“

Gut gegeben! Doch leider hat sich der Kampfesmut der Straußens und Schmidts und Kohls und Wehners bei den wackeren Kämpen wider die Political Correctness weitestgehend verloren. An seine Stelle ist eine Erwartung der besonderen Art getreten: für die eigene Meinung hemmungslos bewundert zu werden. Bei der kleinsten Andeutung von Kritik ziehen sie sich in ihre Schmollecke zurück, beklagen die allseits grassierenden Sprechverbote und spüren in sich schmerzhaft jenen Satz Karl Valentins, der seit dem Moment, als sie ihn zum ersten Mal hörten, unentwegt in ihrer Seele nachklingt: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“

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Ein beredtes Beispiel für diesen Irrwitz liefert einer der bekanntesten Kritiker der Political Correctness, der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. In der Sendereihe „Sternstunde Philosophie“ beschreibt er die Wirkungsweise der Political Correctness an seinem eigenen Leibe:  „Ich habe mich mit 50 entschlossen, das ist jetzt gerade mal 10 Jahre her, nur noch das zu schreiben, was ich wirklich denke, und nicht das zu schreiben, was andere gerne von mir hören würden. Und das bedeutet auch, dass ich meine Meinung mittlerweile ziemlich ungeschützt sage, und riskiere dann auch entsprechend, viele Menschen zu verärgern.“

Auf die berechtigte Frage der Moderatorin, ob er denn zu dem, was er vor seinem 50ten geschrieben habe, nicht mehr stehe, reitet er sich so richtig in den Morast. Er sagt, dass er von seinen wissenschaftlichen Arbeiten nichts zurückzunehmen habe. Anders verhalte es sich mit seiner publizistischen Tätigkeit. Da habe „der Druck der, wenn man so will, linken Öffentlichkeit sozusagen auch auf mein Bewusstsein gewirkt. Und ich habe lange Jahre mit großem Stolz in Zeitungen publiziert, die eine sehr klare Erwartungshaltung an das hatten, was man da sagt und schreibt. Und ich habe diese Erwartungen auch so erfüllt. Das würde ich heute sicher nicht mehr tun.“

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Donnerlittchen: Das ist Opportunismus auf allerhöchstem Niveau! Bolz war – das wollen seine exskulpierenden Ausführungen eigentlich sagen – geil auf Publicity und hat die Kanäle, die ihm diese ermöglichten, entsprechend bedient. Und nun veredelt er seine Willfährigkeit, indem er sie in die PC-Debatte einbettet und sich eine hübsche Heldenerzählung bastelt. Und die geht so: Von Beginn an ist Bolz den Gedanken-Gängen der Political Correctness gefolgt, ohne es zu merken, weil ihm die linke Öffentlichkeit das Bewusstsein aber sowas von vernebelt hat. Beim Übergang vom 50. zum 51. Lebensjahr herum hat sich dieser Dunst in seinem Kopf mit einem Male verflüchtigt, und so konnte sich der gute Mann nun endlich dazu ermannen, sich gegen diese Zumutungen zu erheben. Und jetzt ist er ein echter „Kerl“. Dank Chappi.

Es ist dieser bizarre Heroismus, der jeglicher PC-Kritik innewohnt. Wer sich immer den Mund – freiwillig! – hat verbieten lassen, steht nun offensichtlich unter dem Zwang, die eigene Willfährigkeit vergessen zu machen, indem er dem geneigten Publikum immer wieder vor Augen führt, wie toll sich da einer ermächtigt hat. Sein Selbstwertgefühl hat sich unverkennbar mit einem Django-Unchained-Mythos aufgeladen, mit dem Narrativ, dass sich da einer aus eigener Kraft seiner Ketten entledigt hat – auch wenn es nur imaginierte sind.

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Gleichzeitig erhöht das PC-Meme die Durchschlagskraft der eigenen Argumentation. Denn was ist schon ein handelsübliches Argument gegen ein handelsübliches Argument, das ich mit der Aura des Widerstands mystifizieren kann?

Damit erweist sich die PC-Kritik als ein rhetorischer Katalysator, der dem eigenen Argument mehr Energie verleihen soll, ohne allerdings zur Sache auch nur irgendetwas beizutragen.

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Die wahren Helden, das sind: Malala Yousafzai oder Dietrich Bonhoeffer oder Sophie Scholl oder Nelson Mandela oder Andreij Sacharow oder Martin Luther King oder Mahatma Ghandi oder oder oder. Sie haben brutaler, wirklicher Macht die Stirn geboten. Die wackeren Heroen der PC-Kritik hingegen kämpfen lediglich gegen – naja – Windmühlenflügel.

Dieser Hinweis auf die eklatante Differenz zwischen den wirklichen Helden der Geschichte und imaginierten Heroen der PC-Kritik wird zuweilen als ein weiteres Sprechverbot nach dem Motto: Halts Maul! empfunden. Das ist die letzte, absurdeste Implikation des PC-Memes. Die legitime Gegenposition wird zum Sprechverbot umgedeutet – mit der wunderbaren Folge, dass sich die PC-Kritik ein weiteres Mal bestätigt sieht. Self fulfillling prophecy in Bestform!

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Man sieht: Offensichtlich möchten die PC-Kritiker ihre einmal lieb gewonnene Opferrolle einfach nicht mehr preisgeben. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler hat sich einmal mit den Opfer-Narrativen des so von ihr genannten Hashtag-Feminismus auseinandergesetzt. Hätte sie ihren Fokus mit derselben Verve auf das PC-Meme gerichtet, wäre sie zu denselben Formulierungen gekommen, die sie in Hinblick auf die meetoo-Debatte gefunden hat: „Es war noch nie einfach, Selbstbestimmung nicht nur zu fordern, sondern auch konkret zu leben. ´Wer wirklich nach seinen eigenen Wünschen, Überzeugungen und Prinzipien leben will, der muss imstande sein, Widerstände zu überwinden´, schreiben Michael Pauen und Harald Welzer in ihrem Buch Autonomie.“

Das dicke Ende kommt – wie immer und überall – zum Schluss: „Die Geschichte wäre keinen Deut vorangekommen“, so die gestrenge Autorin aus Münster, „wenn Menschen sich zu allen Zeiten mit dem Argument gerechtfertigt hätten, dass sie, würden sie sich wehren, Einbußen zu befürchten hätten. So funktioniert kein Fortschritt. […] Sich im Nachhinein […] als reines Opfer der Umstände hinzustellen, ist nicht selbstbestimmt, sondern der Weg des geringsten Widerstands“. Das ist natürlich schwere Kost – gerade für einen, der offensichtlich von seiner eigenen Grandiosität so überzeugt ist wie Norbert Bolz. Und selbstverständlich auch für seine Schwestern und Brüder im Geiste.