Wie das Ich einen hinter die Fichte führen kann

Wie das Ich einen hinter die Fichte führen kann

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Früher … also ganz früher … in mythischen Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, da lebten echte Helden. Odysseus hießen sie dann. Oder Herkules. Sich in akutester Lebensgefahr befindend und auf die eigene Kraft vertrauend, boxten sie sich eins ums andere Mal aus schier ausweglosen Situationen heraus. Doch nicht immer. Es gibt eben auch die gescheiterten Helden. Achilles hießen sie dann. Oder Siegfried. Ihnen war kein Happy End beschieden, ihr Schicksal war der Tod. Und dennoch bewahren wir sie auch heute noch tief in unserem Herzen. Zum Heldendasein gehört also nicht der alles überwindende Sieg. Zum Heldendasein gehört das widerständige Verhalten in Zeiten größter Bedrohung, egal wie es ausgeht. Und da können wir uns glücklich schätzen, endlich wieder einen in unserer Mitte zu wissen, der sich geradezu durch Todesverachtung auszeichnet. Frank Castorf heißt er, war früher mal Intendant der Volksbühne zu Berlin und bietet der Kanzlerin die Stirn: Er lasse sich von Frau Merkel nicht vorschreiben, wann er sich die Hände zu waschen habe. Das hat gesessen. Ein alternder Mann in der Haltung eines trotzigen Kindes. Glückliche Franzosen: In puncto Widerstand tun sie es nicht unter einem Ballhaus. Bei uns startet die Revolution im Badezimmer. Heinrich Heine hätte seine Freude dran gehabt.

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Von ähnlichem Temperament wie Frank Castorf war offensichtlich Fichte, Johann Gottlieb Fichte, den zu beschreiben derselbe Heine kein anderes Adjektiv häufiger bemühte als „halsstarrig“. Ja, so war er wohl, das betonen viele andere Zeitzeugen. Aber wie sollte er auch anders? Als Sohn armer Eltern verbrachte er seine Kindheit als Hütejunge. Das war nicht gut. Denn dort machte er seine ersten Erfahrungen als unumschränkter Herrscher über eine erkleckliche Anzahl vermutlich erbarmungswürdiger Nutztiere. Eine Haltung, die er nicht mehr aufgeben sollte. In Zürich erhielt er später eine Anstellung als Hauslehrer. Dort war er offensichtlich der Meinung – so Wilhelm Weischedel -, „ehe man Kinder erziehen könne, müsse man die Eltern erziehen. So legt er sich ein ´Tagebuch der auffallendsten Erziehungsfehler´ an und veranlasst die Eltern seines Zöglings, sich allwöchentlich daraus vorlesen zu lassen“. Die waren – so kann man annehmen – nicht wirklich amused. Und auch später, als er mit Schriften und Pamphleten seine Zeitgenossen aufzurütteln versuchte, „begnügt er sich nicht damit, die Menschen zu überzeugen; er will sie mit Gewalt bekehren; als die Zeitgenossen immer noch nicht begreifen wollten, worauf es ihm ankommt, verfasst er eine Schrift mit dem verwegenen Untertitel: ´Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen´“.

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Solch ein herrischer Charakter kann – zum Philosophen gereift – offensichtlich nicht anders, als das Ich ausschließlich in einer unumschränkten Freiheit zu begreifen. Fichtes Ich war sowas von frei, dass es selbst die Abhängigkeit von einer außer ihr stehenden Realität nicht akzeptieren konnte. Sicherlich schütteln Sie jetzt sanft Ihren Kopf. Doch das war gar nicht so abgedreht, wie es sich anhört. Denn Fichtes Gedanke entzündete sich an Kants „Ding an sich“, das zwar – davon war der Königsberger Philosoph überzeugt – existiert, wir aber nicht erkennen können. Daran knüpft sich die berechtigte Frage an: Was haben wir eigentlich – so Fichte – mit einem Etwas zu schaffen, das unserer Vernunft aus prinzipiellen Gründen nicht zugänglich ist? Daraus zieht Fichte die einzig logische Konsequenz: Er erklärt nur das als wirklich, was in unserem Bewusstsein ist. Für ihn war klar: Die äußere Realität existiert nicht außerhalb des Ich, vielmehr ist es das Ich, das die Realität erschaffen hat. Diese Folgerung war für die Zeitgenossen natürlich nur schwer zu verdauen, die deshalb – so Heine – viele Spötter auf den Plan rief, die meinten, „dieses individuelle Ich leugne alle anderen Existenzen. Welche Unverschämtheit! riefen die guten Leute, dieser Mensch glaubt nicht, daß wir existieren, wir die wir weit korpulenter als er und als Bürgermeister und Amtsaktuare sogar seine Vorgesetzten sind! Die Damen fragten: glaubt er nicht wenigstens an die Existenz seiner Frau? Nein? Und das läßt Madame Fichte so hingehn?“

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Es ist offensichtlich: Diese – ebenso populäre wie falsche Deutung – des Fichteschen Ich hat viele zeitgenössische wie auch spätere Rezipienten arg hinter jenen Baum geführt, dem der Philosoph seinen Nachnamen verdankt: die Fichte. Denn das Ich, das der Philosoph im Blick hatte, war nicht das Ich der historischen Figur Fichte. Das Fichtesche Ich war ein absolutes Ich, an den wir zeitlichen und endlichen Ichs nur unseren kleinen, bescheidenen Anteil haben. Sie sehen: Wir befinden uns hier tief im Maschinenraum des deutschen Idealismus. Erst setzt sich das absolute Ich selbst, danach setzt es die äußere Realität. Das ist absolute Freiheit ganz nach dem Geschmack des Hütejungen, Hauslehrers und Philosophen Johann Gottlieb Fichte.

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Zugegeben: Das klingt verrückt. Und dennoch: Entkleidet man diese Konstruktionen von allem metaphysischen Schnickschnack, offenbart sich doch ein wahrer Kern. Auch evolutionsgeschichtlich setzt sich das Ich des Menschen selbst, indem es die Inhalte des erwachenden Bewusstseins in Meins und Nicht-Meins zu unterscheiden lernte. Und dieses Gefühl der Meinigkeit entsteht zusammen mit dem Körpergefühl, wie der Philosoph Thomas Metzinger befindet: Das „bewusste Ichgefühl ist aufs Engste mit dem Augenblick verknüpft, in dem der Körper entdeckt, dass er sich selbst kontrollieren kann – und zwar als eine Ganzheit“. In dem „Moment“ also, in dem alle unterschiedlichen Sinnesempfindungen zusammen finden und der Mensch sich selbst als Gesamtsystem wahrnimmt und unter seine Kontrolle zu stellen versteht, entsteht das Ich-Bewusstsein. Das Ich setzt sich selbst.

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Damit erklärt dieses Ich-Bewusstsein zugleich all das zum Objekt, das nicht mit dem Gefühl der Meinigkeit „geimpft“ ist. Dabei ist dieses Ich nicht hilflos den unentwegt auf ihn einprasselnden Eindrücken der äußeren Welt (ja, die gibt es!) ausgeliefert, sondern hat die Fähigkeit auszuwählen, um sich diese zu erschließen. Noch einmal Thomas Metzinger: „Es ist also eindeutig die subtilere Erfahrung des inneren Handelns, den Fokus der eigenen Aufmerksamkeit zu kontrollieren, die den tiefsten Kern der Innerlichkeit zu bilden scheint. Es ist eine Form des geistigen Handelns, die das phänomenale Selbst-als-Subjekt erzeugt. Selbstheit-als-Subjektivität ist nämlich aufs Engste verknüpft mit der ´Modellierung von mentaler Ressourcenallokation´, wie ein nüchterner komputationaler Neurowissenschaftler vielleicht sagen würde. Der richtige philosophische Begriff dagegen wäre ´epistemische Kontrolle´: jene mentale Handlung, die darin besteht, dass wir unser Wissen über die Welt absichtlich erweitern, etwa indem wir auswählen, was wir wissen werden, und gleichzeitig das ausschließen, was wir in diesem Moment ignorieren wollen“. Das Bewusstsein als „Wirklichkeitsmaschine“. Das Ich setzt die außer ihr liegende Realität.