Die Welt am Gängelband der Sprache

Die Welt am Gängelband der Sprache

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Eigentlich war der gute alte Nietzsche ein Mensch, der – wie nur wenige – die Welt und seine Zeit mit einem Röntgenblick zu durchschauen vermochte. Doch mindestens einmal hatte er keinen blassen Schimmer, aber so richtig nicht. Während seines Aufenthalts in Turin im Jahre 1888 gab er sich überaus verblüfft über seine öffentliche Wirkung: „Das Merkwürdigste ist hier […] eine vollkommene Faszination, die ich ausübe“. Ich weiß, was Sie denken: Sie meinen sicherlich, dass diese Aussage an Selbstbeweihräucherung grenzt. Ach wo, im Gegenteil. Diese Aussage hat diese Grenze längst überschritten. Denn darauf verstand sich der Schnauzbart aufs Vortrefflichste, zumindest kurz bevor er sich in seine geistige Umnachtung verabschiedete. In seiner Schrift „Ecce Homo“, die in zeitlicher Nähe zum Turiner Erlebnis entstand, warten die ersten drei Kapitel etwa mit folgenden gloriosen Überschriften auf: „Warum ich so weise bin“, „Warum ich so klug bin“ und „Warum ich so gute Bücher schreibe“.

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Ja, so sind sie, die Philosophen: Sich immer ziemlich genau im Zentrum des Universums wähnend. Schon Empedokles erhob den Anspruch darauf, als Gott zu gelten. Paulus von Tarsus – besser bekannt als Apostel Paulus – war sich sicher, seine Eingebungen direkt von Gott zu erhalten. Ob er in diesem eine Ähnlichkeit mit Empedokles erkannte, ist allerdings nicht überliefert. Giordano Bruno sah in Kopernikus die Morgenröte, in sich selbst aber den hellen Tag der Vernunft. Spinoza war sich sicher, dass mit seinem Werk alle Philosophie ein Ende gefunden habe. Ähnlich Wittgenstein. Er zeigte sich absolut überzeugt davon, mit seinem „Tractatus Logico-Philosophicus“ sämtliche Probleme der Philosophie gelöst zu haben. Einmal schreibt er: „Ja, meine Arbeit hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt“.  Das war der Grund, warum er sich (zunächst) von der Philosophie abwandte, sein erhebliches Finanzvermögen an seine Geschwister verschenkte und Dorfschullehrer wurde, der immer ein wenig müffelte und alles in allem als etwas kauzig galt. Wie Schopenhauer, der in sich selbst den „Kaiser der Philosophie“ sah, vollmundig erklärte: „Die Zeit wird kommen, wo, wer nicht weiß, was ich über einen Gegenstand gesagt habe, sich als Nichtwisser bloßstellt“, um seine zuweilen überhand nehmende Miesepetrigkeit damit aufhellte, mit seinem Pudel Gassi zu gehen, den er auf den Namen Atman getauft hatte: Weltseele.

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Die Weltseele – das Wesen der Welt – am Gängelband des Denkers: Eine treffenderes Bild kann es ja gar nicht geben für den Umstand, dass es die Menschen immerzu dazu treibt, den immensen Reichtum der Welt auf den einen Begriff und das eine Prinzip zu bringen. Die Mythen, die Religion, die Metaphysik: Immer sind es Geister, die hinter der unüberschaubaren Fülle an Phänomenen stecken. Oder Gott. Oder die Ideen. Oder die Zahl. Oder der Wille. Oder das Ding an sich. Oder das Sein. Oder eben die Weltseele … Ist ja auch gut so: Habe ich das „Prinzip“ am Band, habe ich auch die Vielfalt unter Kontrolle. Und warum denn auch nicht? Verlangte nicht schon der mittelalterliche Theologe Wilhelm von Ockham, eine einfache Erklärung mit möglichst wenigen Annahmen sei einer komplexen Theorie mit viel verschiedenen Hypothesen vorzuziehen? Das als Ockhams Rasiermesser allgemein bekannt gewordene Verfahren erwies sich schnell – man kann es nicht anders sagen – als äußerst zweischneidig. Es ist in der Lage, wildwuchernde Theorien auf ein vernünftiges Maß zurückschneiden und zu prüfen. Einerseits. Aber einmal in unbändiger Schneidewut entflammt, hört es mit dem Zurückschneiden nicht mehr auf, schneidet und schneidet immer weiter … bis nichts mehr übrig bleibt als ein Prinzip jenseits von Zeit und Raum, das die Dinge diesseits von Zeit und Raum erklären soll. Nur: Wenn das Unendliche das Endliche berührt: Ist es dann selbst nicht auch endlich? Und wenn das Ewige die Zeit berührt, wird es dann nicht auch zeitlich?

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Eben. Aus diesem Gefühl des Ungenügens heraus haben wir die Wissenschaft entwickelt. Ein echter Paradigmenwechsel. Möchte man glauben. Denn nun schaut niemand mehr über die Dinge hinweg in eine Welt, über die sich nur spekulieren lässt. Nun sehen wir genau hin, versenken uns in die Fülle des Lebens und lassen nur noch Tatsachen gelten, nackte Tatsachen. Als Musterexemplar dieser neuen Denker-Spezies muss der Schwedische Naturforscher Carl von Linné bezeichnet werden. Er tummelte sich u. a. in den Bereichen Fauna und Flora, untersuchte ihre Erscheinungsformen, stellte Beziehungen untereinander her, inventarisierte sie und ordnete sie so lange … bis er sie in ein System einfügen konnte, das absolut wasserdicht war, weil es der „Wirklichkeit“ entsprach: die so genannte binäre Nomenklatur. Danach erhielt jede Pflanze, jedes Tier einen vorangestellten Gattungsnamen und einen darauf folgenden Begriff, der die Art fixiert. So lassen sich in der Gattung Mus (Maus) z. B. die Arten Mus musculus (Hausmaus) von der Mus spicilegus (Ährenmaus) von der Mus cervicolor (Falbmaus) unterscheiden. Auf diese Art und Weise ist auch der Mensch zu seiner Bezeichnung Homo sapiens gekommen und hat damit eine beachtliche Karriere als Krone der Schöpfung hingelegt.

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Die linnésche Sprach-Matrix, die sich da wie selbstverständlich über die Welt ausgebreitete, war nicht die erste in der Geschichte der Biologie, aber doch ein erster wichtiger Meilenstein. Auf dieser Grundlage hat sie sich immer weiter ausdifferenziert. Heute haben wir uns angewöhnt, die biologischen Formen nach folgenden Hierarchieebenen einzusortieren: Domäne, Reich, Unterreich, Stamm, Unterstamm, Klasse, Unterklasse, Infraklasse, Überordnung, Ordnung, Unterordnung, Überfamilie, Familie, Unterfamilie, Tribus, Untertribus, Gattung, Art, Unterart. Ohne Frage ein Aufwand, der sich das eine oder andere Fleißkärtchen verdient hat. Und der allen nachfolgenden Biologen ein erhebliches Maß an Arbeit abgenommen hat und heute noch abnimmt. Denn mit diesem System steht uns nun ein kompletter Stammbaum an Ordnern, Unterordnern, Unterunterordnern, Unterunterunterordnern und so weiter zu Gebote, in den ich beliebig tief – bis in die feinsten Verästelungen – hinuntersteigen kann. Und wieder aufsteigen, bis ganz nach oben zu dem einen Wort, das über allem prangt: „Organismen“.

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Also auch hier: Der unendliche Reichtum der Welt auf den einen Begriff gebracht. Wie? Der Paradigmenwechsel von Religion zur Wissenschaft hätte also nicht stattgefunden? Offensichtlich. Hier wie dort ordnen wir die Welt auf das eine Prinzip hin und leiten alle Erscheinungsformen daraus ab. Das einzige Ziel: Die Komplexität der Welt zu reduzieren und sie so für unseren Verstandesapparat verdaulich zu machen. Klassifikationen seien – so der Philosoph Ernst Cassirer – „das Ergebnis eines ständigen Strebens nach Vereinfachung“. Es ist wie mit dem Urknall: Es dauerte rund 380.000 Jahre, bis das Weltall so weit herunterkühlte, dass sich die subatomaren Teilchen zu den ersten Atomen und Molekülen verbinden konnten. Das zuvor undurchdringliche Plasma klarte auf und wurde durchscheinend. Damit kam das Licht in die Welt, das von nun an jede Ecke des Kosmos ausleuchtete. Mit unserem Drang zur Systematisierung erreichen wir denselben Zweck: Wir verschaffen uns Durchblick und durchleuchten jedes Wissensgebiet mit der Funzel unseres Verstandes. Das bedeutet aber auch: Wie bilden die Welt nicht ab, wie sie ist, sondern ordnen sie nach den Erfordernissen unseres Oberstübchens.