Tricky Jesus. Oder: Der YOG´TZE-Fall und unser Umgang mit Sprache

Tricky Jesus. Oder: Der YOG´TZE-Fall und unser Umgang mit Sprache

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Das waren noch Zeiten, als Eduard Zimmermann Monat für Monat bei uns zuhause vorbeischaute und mit mir auf Verbrecherjagd ging. Wie ich – in eine Decke eingemummelt – als Kind vor „Aktenzeichen XY“ saß und wie gebannt in die Glotze und in die Abgründe des Menschen zugleich schaute. Wie Ganoven-Ede immer wieder rüberschaltete zu Peter Nidetzky in Wien und Werner Vetterli in Zürich, die ebenfalls viel Schlimmes zu berichten wussten – und wie er mir damit jedesmal klar machte, dass das Verbrechen grenzenlos ist… In diesen Momenten hatten wir beiden – Eduard und ich – die Hand am Puls des Weltverbrechens. „Aktenzeichen XY“ war einfach schön, schrecklich-schön. Was auch nicht geschmälert wurde durch das Wissen, zu Beginn der Sendung erst einmal durch vier fünf zähe Minuten zu müssen, in denen Eduard durch die Präsentation von Zeitausschnitten seine – nein: unsere! – Erfolge vor aller Augen dokumentierte. „´Grußbestellerin´ einen Monat nach ´XY´ gefaßt“, hießen dann die Headlines. Oder: „40 Minuten nach XY-Sendung kam die Polizei: Räuberpaar im Bett verhaftet“. Ja, das waren Siege, echte Siege … wenngleich ich natürlich ahnte, dass das Verbrechen keine Pause macht. Deshalb schaute ich nach jeder Sendung sicherheitshalber noch einmal im Bettkasten und Kleiderschrank nach, um zu prüfen, ob sich da nicht zufällig ein Dunkelmann versteckt hielt, der mir und meiner Familie Übles wollte… Erst nach Tagen klang diese seltsame innere Verwandlung in mir ab. Schrecklich-schön das.

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Die Sendung hatte also von Beginn an das Zeug zum Kult. Und die Faszination ebbt nicht ab. Bis heute nicht. Seit einigen Jahren sind auf youtube nahezu alle Folgen der Sendung „Aktenzeichen XY“ verfügbar. Parallel dazu bietet die Internetseite WikiXY stichwortartige Zusammenfassungen der einzelnen Filmfälle. Wer sich hier die Liste der einzelnen Sendungen anschaut, wird schnell feststellen, dass die Typo einiger dieser Fälle gefettet ist. Diese Markierungen weisen den Besucher auf die (vermeintlich) besonders interessanten Fälle hin. So zum Beispiel auf den legendären YOG´TZE-Fall, den „Aktenzeichen XY“ am 12. April 1985 ausgestrahlt hatte. Dieser Fall ist besonders mysteriös und wird in einschlägigen Portalen immer wieder von Hobby-Kommissaren auf links gezogen – und wieder zurück. Offensichtlich fordert dieser Fall geradezu zu Stellungnahmen und Mutmaßungen heraus. Ein dankbares Objekt also, an dem man unseren Umgang mit Sprache studieren kann.

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Deshalb der YOG´TZE-Fall in aller gebotenen Kürze: Den arbeitslosen Lebensmitteltechniker Günther Stoll plagt seit einiger Zeit die Angst, man wolle ihn umbringen. Einmal sagt er zu seiner Frau: „Ich halt das nicht mehr aus. Alle sind sie gegen mich.“ Und: „Ich habe einfach Angst, dass sie mir was antun“. Eines Abends sitzt er vor dem Fernseher – in Grübeleien vertieft. Plötzlich ruft er aus „Jetzt geht mir ein Licht auf“ und schreibt danach auf ein Blatt Papier die Buchstaben YOG´TZE. Unmittelbar darauf streicht er sie wieder durch und bricht dann auf, um in seiner Stammkneipe „Papillon“, etwa 5 km von seiner Wohnung entfernt, ein Bier zu trinken. Vielleicht gehe es ihm danach besser, so sagt er noch zu seiner Frau und verlässt sie. Dort angekommen, verliert er das Bewusstsein und bricht zusammen, noch ehe er einen Schluck von dem georderten Bier zu sich nehmen konnte. Nachdem er sich erholt hat, verlässt er das „Papillon“. Die beiden Stunden danach lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Gegen 1 Uhr nachts taucht er in seinem Geburtsort auf, etwa 10 km vom „Papillon“ entfernt. Er geht aber nicht zu seinen Eltern, sondern zwei Häuser weiter zu einer Nachbarin, einer betagten Dame, die als besonders fromm und religiös gilt. Sie öffnet das Fenster im 1. Obergeschoss, um nachzuschauen, wer da geklingelt hat. Sie erblickt den Lebensmitteltechniker und fragt, ob er denn nicht wüsste, wie spät es sei. Er antwortet: „Ich muss mit jemanden reden. Diese Nacht passiert noch was, was ganz Fürchterliches“. Sie weist ihn ab und bittet ihn, zu seiner Mutter zu gehen. Er antwortet: „Das geht nicht. Die verstehen mich ja nicht.“ Darauf erwidert sie, er solle nach Hause fahren, zu seiner Frau. Da könne ihm nichts passieren. Er gibt sich einsichtig und verlässt den Ort. Wieder verliert sich seine Spur. Zwei Stunden später entdeckt ein LKW-Fahrer auf der Sauerland-Linie, Höhe Hagen-Süd, einen verunglückten Wagen am Seitenrand – knapp 100 km nördlich vom Geburtsort des Lebensmitteltechnikers entfernt. Zudem sieht er einen Mann um diesen Wagen herumlaufen. Der LKW-Fahrer entschließt sich, anzuhalten und zu helfen. Als er sich dem Wagen nähert, ist diese Person verschwunden. Statt dessen entdeckt der LKW-Fahrer den Lebensmitteltechniker in seinem Auto – schwer verletzt und vollkommen unbekleidet. Spätere Untersuchungen – so der Film weiter – hätten ergaben, dass er an einem anderen Ort nackt mit einem fremden Auto überfahren wurde. Danach habe man ihn in sein Auto gelegt und sei mit ihm über die Sauerlandlinie gefahren, wo es am Auffindeort verunglückt ist. Dort haben man ihn allein zurückgelassen. Auf dem Weg zum Krankenhaus erliegt der Mann seinen Verletzungen. Eduard Zimmermann ergänzt nach dem Filmende, dass der Lebensmitteltechniker während eines Urlaubs in Holland Bekanntschaft mit Drogendealern gemacht habe.

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Bei diesem Fall kommen zwei Faktoren zusammen, die den Fall für viele Menschen so fesselnd machen:

  • Der erratische Plot mit seinen Lücken und Brüchen, die den Gesetzen einer in sich konsistenten Erzählung zuwiderlaufen.
  • Die kryptische Buchstabenfolge YOG`TZE, deren Bedeutung niemand bis heute entschlüsseln konnte.

Ein Gemisch, das dazu führt, dass sich die Menschen bis heute mit diesem Fall beschäftigen und ihn mit großer Leidenschaft auf den einschlägigen Portalen diskutieren. Da wird jeder Punkt analysiert und Position bezogen, die dann zuverlässig mit einer Gegenposition beantwortet wird. Alles wird durch den Wolf gedreht, und keine Erklärung ist absurd genug. Ja, die zuständige Polizeistelle in Hagen erhält bis heute Anrufe von Menschen, die den Schlüssel zur Aufklärung des Falles in den Händen zu halten vermeinen. Meistens gingen die Erklärungen, so ein Polizeisprecher, eher in eine esoterische Richtung.

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Handelte es sich um eine fiktionale Geschichte, ließe sie sich als Kopfgeburt eines Schreibers abtun, der eindeutig zu viel Drogen zu sich genommen hat. Aber das geht nicht, schließlich ist der Fall real. Bleibt uns die Möglichkeit, ihn als Sache der Kriminalpolizei zu erklären, die uns nichts angeht. Aber auch dieser Ausweg ist versperrt; verbarrikadiert durch eine zäh-weiche Masse mit einem Gewicht von rund 1300 Gramm: unser Gehirn. Wie besessen treibt es uns unaufhörlich dazu, die Lücken zu schließen und die erratisch nebeneinander stehenden Fakten zu einer in sich geschlossenen Erzählung zu harmonisieren. Wir gehen hierbei vor wie weiland „tricky Jesus“ am See Genesareth. Wir nutzen die aktenkundig dokumentierten Fakten wie Kieselsteine, die knapp unterhalb der Wasseroberfläche liegen und Trittsicherheit geben. Von da aus erfinden wir mentale Kieselsteine, die wir in die Lücken stopfen. Und schon ist der Weg frei. Denn für unseren Geist sind die realen und die fingierten Kieselsteine nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Das hat damit zu tun, dass die Abbilder der Außenwelt und die Mutmaßungen und Spekulationen unserer inneren Welt mentale Repräsentationen sind, die auf der Bühne unseres Bewusstseins gemeinsam ein Stück aufführen mit dem Titel: „Sei logisch und erzähle konsistent!“ Weil die fingierten Fakten die bekannten Fakten glücklich ergänzen, halten wir sie beide für gleichermaßen wahr. Und so wandeln wir absolut schwindelfrei und selbstsicher über das Wasser und haben keine Ahnung von den Untiefen, die unter uns gähnen. Das gilt für den YOG´TZE-Fall ebenso wie für jede Erzählung, die wir zum Besten geben. Sie sind immer eine Verbindung aus unabweislich Faktischem und Fingiertem. Und so erschaffen wir täglich unsere Wirklichkeit und sind felsenfest davon überzeugt, dass diese Konstruktionen absolut identisch mit der Wahrheit sind.

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Welche absurden Züge dieser Harmonisierungszwang annehmen kann, zeigen die Versuche, dem Schriftzug YOG´TZE irgendeinen Sinn abzutrotzen. Im Folgenden einige dieser Versuche, die ich wahllos aus dem Netz gefischt habe. Die Buchstabenfolge YOG´TZE

  • sei mit einem rumänisches Funkrufzeichen identisch, wenn man das G als eine 6 interpretieren würde.
  • sei die Abkürzung für Yoghurt (YOG) und einem bestimmten Aromastoff (TZE). Immerhin sei der Tote Lebensmitteltechniker gewesen. Vielleicht deute das ja auf einen Lebensmittelskandal hin, der unter der Decke gehalten werden sollte.
  • habe möglicherweise Verbindungen zum Film Evil Dead. Dort gebe es ein Buch Necronomicon, in dem es vor Wortformen mit einem Apostroph nur so wimmle, wie z. B. „Ph’nglui“, „mglw’nafh“ etc.
  • sei ein Hinweis auf einen Schimanski-Krimi, der 1982 lief. Dort schrieb Schimmi auf einen Zettel: Yong´Lan.
  • hat Anklänge an holländische Namen wie Wijtze, Wytze, Wytske. Denn immerhin hatte Stoll ja Kontakt zu holländischen Drogendealern
  • sei ein versteckter Hinweis auf eine Sendung zum Tag der Suchthilfe, der an dem fraglichen Abend gelaufen ist. Tatsächlich saß Stoll vor dem Fernseher, als er die Buchstabenfolge niederschrieb.
  • habe Ähnlichkeit mit dem chinesischen Strom Yangtse.
  • sei identisch mit dem alten Nato-Code „Y 0 GTZ É“ aus dem Jahr 1980, der das Zeichen für Rückzug der US-Truppen aus Deutschland in die Benelux-Länder war.

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Kleiner Nachtrag: Der XY-Filmfall erzählt, dass der Lebensmitteltechniker die Buchstabenfolge direkt wieder durchgestrichen hatte. Was der XY-Filmfall nicht erzählt, aber doch seit vielen Jahren bekannt ist, ist die Tatsache, dass die Frau den Zettel danach weggeworfen hatte. Die Polizei hat ihn also nie zu Gesicht bekommen. Ein durchgestrichenes Wort auf einem weggeworfenen Zettel – man darf deutliche Zweifel haben, ob es überhaupt exakt wiedergegeben worden ist. Und dennoch stehen die sechs Buchstaben inklusive Apostroph auch heute noch da wie in Stein gemeißelt, an denen sich selbsternannte Kommissare so gründlich die Zähne ausbeißen, als ob ihr Seelenheil davon abhinge. Und das alles, weil unser Gehirn erst Ruhe gibt, wenn es eine plausible und konsistente Geschichte serviert bekommt.