Versuch über das Ackermännchen

Versuch über das Ackermännchen

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Obwohl permanent nervös mit dem Schwanz wackelnd, müsste eine Bachstelze doch eigentlich ziemlich tiefenentspannt sein. Denn durch ihren Namen hat sie eine klare Identität: Sie ist eindeutig mit kleinen Wasserläufen assoziiert, wo sie auch tatsächlich häufig aufzufinden ist. Alles bestens also. Denn was macht einen ruhiger, als zu wissen, wer man ist und wohin man gehört? Damit steht fest, dass Namen das Wesen des Bezeichneten voll und ganz ausdrücken. Obwohl … Schon beim Begriff „Stelze“ wird es schwierig. Die einen führen ihn auf die Beine unseres Freundes zurück, die anderen auf den Begriff „Sterz“, was soviel wie „Schwanz“ heißt. Damit rückt der nach hinten auslaufende Federbereich in den Blickpunkt des Interesses. Diesem Merkmal erweist auch das Westfälische Platt seine Reverenz, indem es den Vogel als „Wippkestiärtken“ bezeichnet: Wackelschwänzchen. Ähnlich das englische „Wagtail“. Die Linnésche Bezeichnung übertreibt es wieder einmal und wartet mit einem echten Pleonasmus auf: Motacilla alba. Denn „Mota“ stammt vom lateinischen „movere“ („bewegen“) und „cilla“ von „cillere“ (spätlateinisch für „schnell bewegen“). Ganz anders wiederum das Französische, das die Bachstelze als kleine Schäferin („bergeronette“) betrachtet, während das Friesische sie als verkleinerte Form des Landwirts auffasst: „Akkermantje“ („Ackermännnchen“). Damit drückt ein Name also doch nicht das Wesen des Bezeichneten aus, sondern ist Ergebnis einer Konvention?

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Genau mit dieser Frage befasst sich Platon in seiner Schrift „Kratylos“, die allgemein als Gründungsdokument der Sprachphilosophie gilt. Zu Beginn befinden sich Hermogenes und besagter Kratylos in einem Disput. Während Hermogenes behauptet, die Wörter seien Ergebnis einer Übereinkunft, behauptet Kratylos, ein „jegliches Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung“. In dieser Situation kommt Sokrates hinzu und beteiligt sich am Gespräch, oder sagen wir es rundheraus: Er übernimmt die Gesprächsführung. Zuerst nimmt er sich Hermogenes zur Brust. Ihm gegenüber betont er, dass Worte die Natur nachahmen und dadurch in ihrem Wesen erfassen. Hierbei hat er jedoch weniger lautmalerische Begriffe im Sinn, wie etwa das Wort „Kuckuck“ für einen Vogel, der genau durch diese Lautfolge auf sich aufmerksam zu machen pflegt. Die Vorstellung dieser so genannten Onomatopoetik lehnt Platon ab: „Wir müßten dann denen, welche den Schafen nachblöken und den Hühnern nachkrähen und so mit den anderen Tieren, auch zugestehen, dass sie das benennen, was sie nachahmen.“ Die wirklich bedeutungstragende Funktion im platonischen Sinne hingegen haben die einzelnen Buchstaben. So steht der vibrierende Laut „R“ für die Bewegung und legt damit die Bedeutung der Begriffe fest, die die Bewegung ausdrücken. Das „G“ steht für alles Dünne und Zarte, die Buchstaben W, S, Sch und Z markieren alles, was schnell ist, die Buchstaben „D“, „T“, „B“ und „P“ sind Ausdruck für alles Bindende und Dauernde. So dekliniert sich Platon nun durch jeden Buchstaben und ist überzeugt davon, dass mit Hilfe ihres adäquaten Einsatzes die Sprache das Wesen eines jeden Dings nachahmt und damit festlegt.

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Auf dieser Grundlage entstehen die Wörter, die – so Platon – Werkzeuge sind wie Bohrer, Schere oder Webstuhl. So sei letzterer dazu da, unterschiedliche Gewebe herzustellen. Wer ein gutes Gewebe herstellen will, ist nicht frei in der Wahl seiner Mittel, sondern muss Meister seines Fachs sein und sich auf den üblichen Gebrauch eines Webstuhls verstehen. Das ist der Weber. Die Benennung mit Worten hingegen ist dazu da, das Wesen der Dinge voneinander zu unterscheiden. Auch dies kann nur ein Meister seines Fachs vollbringen. Das ist – jetzt betritt ein sehr mysthisches Wesen die Bühne  – der Wortbildner, an anderer Stelle auch Brauchstifter oder Gesetzgeber genannt: Dieser Wortbildner kennt das Wesen der Dinge und bildet danach die Idee des Wortes , und zwar „in was für Silben es auch sei“. Will sagen: Auf die konkrete Lautfolge kommt es nicht so sehr an, als vielmehr auf die richtige Auswahl der Buchstaben. An dieser Stelle macht Sokrates den Sack zu: Kratylos habe also recht, „die Benennungen kämen den Dingen von Natur zu, und nicht jeder sei ein Meister im Wortbilden, sondern nur der, welcher, auf die einem jeden von Natur eigene Benennung achtend, ihre Art und Eigenschaft in die Buchstaben und Silben hineinzulegen versteht“.

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Diese Beweisführung gegen Hermogenes bereitet zugleich die Beweisführung gegen Kratylos vor – insbesondere die Formulierung, nach der nicht jeder ein Meister im Wortbilden sei. Dies ist immer dann der Fall, wenn er das Wesen der Dinge nicht richtig erfasst oder die Buchstaben falsch auf die Worte verteilt. Jeder, der sich der Begriffe eines solches Wortbildners bedient, wird automatisch in die Irre geführt. Nur – und jetzt nähern wir uns so langsam dem zentralen Anliegen des Platon – was ist, wenn die Begriffswelten der beiden Wortbildner gegeneinanderstehen – wer entscheidet eigentlich, welche die richtige ist? Gute Frage. Damit kommen wir zum Clou dieser Schrift: Geht es um die Erkenntnis der „Wahrheit“, also um die Erkenntnis des Wesens der Dinge und der Ideen, kommt es auf die Sprache gar nicht an. Wenn die Wörter „in Streit geraten … muß etwas anderes aufgesucht werden als Worte, was uns ohne Worte offenbaren kann, welche von diesen beiden die richtigsten sind, in dem es uns nämlich das Wesen der Dinge zeigt“. Doch selbst wenn man die Dinge durch die Worte kennen lernen kann, so sei es die schönere und sicherere Art, die Dinge direkt – also jenseits der Sprache – aus ihrem Wesen zu erkennen.

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Bei Platon sind Erkennen/Denken und Sprache vollkommen voneinander getrennt. Wie wir heute wissen, irrt der Meister hier. Denn die These hat sich als falsch erwiesen und ist heute obsolet. Schon Parmenides, der gut 100 Jahre vor Platon lebte, hat festgestellt, dass Denken ohne Sprache nicht möglich ist. Und dennoch: Holt man Platons Vorstellung vom Himmel auf die Erde, kann man das „Wesen“ eines Dings mit seiner Bedeutung gleichsetzen. Damit kann man Platon als Erfinder des semiotischen Dreiecks aus Wort, Ding und Bedeutung (Wesen) bezeichnen. Und er war noch in vielen weiteren Dingen wegweisend: So war er sicher, dass der Mensch die Sprache nicht von den Göttern erhalten, sondern sich selbst gegeben hat. Zudem: Sprache ist nicht dazu gemacht, die „Wahrheit“ zu erkennen. Ja, sie kann sogar in die Irre leiten, womit Platon nichts weniger sagt, als dass die Sprache das Denken prägt. Zudem ist Sprache ein Werkzeug, mit dem der Mensch Realitäten erschafft: Sie hat die Aufgabe, die Dinge voneinander zu unterscheiden. Damit „wird zum erstenmal in der Geschichte der Philosophie der pragmatische Aspekt der Sprache klar herausgestellt“. Mit seinem Kratylos hat Platon Fragen aufgeworfen, die die Sprachphilosophie bis in die Moderne hinein beschäftigt. So hat erst der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure ein für allemal festgelegt, dass die Beziehung zwischen Wort und Ding willkürlich („arbiträr“) ist und so gar nichts über sein Wesen aussagt. Und obwohl Platon die im Kratylos entfaltete Dichotomie aus Begriffs-Konvention und -Ontologie selbst ad absurdum führt, hat er damit eine Debatte losgetreten, die über den mittelalterlichen Universalienstreit zwischen Nominalisten und Realisten bis zur heutigen Auseinandersetzung zwischen Konstruktivisten und Neuen Realisten reicht.

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Unser Ackermännchen kann also wirklich ganz beruhigt sein. Es hat sich durch die bisherigen philosophischen Spiegelfechtereien in seiner Identität nicht verunsichern lassen und wird es auch in Zukunft nicht tun. Wie sagte doch Gertrude Stein: Ein Akkermantje ist ein Wippkestiärtken ist ein Wagtail ist eine Bergeronette ist eine Motacilla alba ist eine Bachstelze ist ein Akkermantje …