Was das Fegefeuer mit einem Indianer zu tun hat

Was das Fegefeuer mit einem Indianer zu tun hat

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Die Sündenlehre der katholischen Kirche war von Anfang an alles andere als durchdacht. Erst erfand sie die Erbsünde, die wahrlich kein Glücksgriff war. Denn dadurch war nun jeder Mensch unrettbar der Hölle verfallen – und keine Kirche konnte ihm da je wieder heraushelfen. Um diesen Konstruktionsfehler wett zu machen, kam ihr die Taufe in den Sinn. Dieses Ritual versetzte sie in die Lage, die Menschen aus der Erbsünde wieder herauszuholen. Das war aber ebenfalls kein kluger Schachzug, wie man sich denken kann. Denn erlöst von aller Sünde, brauchten die Menschen ebenfalls keine Kirche mehr. Deshalb schritt die Kirche nun zum dritten Mal zur Tat und erklärte, dass der Mensch trotz der Befreiung von der Erbsünde eine Tendenz zur Sünde habe. „Konkupiszenz“ nennt sie so etwas. Solche Menschen seien zwar nicht wirklich ganz schlecht, aber auch nicht richtig gut. Durch diesen Dreh band die Kirche die Menschen dauerhaft an sich, weil nur sie in der Lage war, die Menschen zu Lebzeiten von den ständig nachwachsenden Sünden immer wieder zu befreien. Und für das Leben nach dem Leben erfand sie das Fegefeuer, das die Toten nun endgültig von den mehr oder weniger angehäuften Sünden befreite, bevor sie zum Himmel aufsteigen konnten.

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Das so genannte „Purgatorium“ in seiner heute noch gültigen Form erblickte im 12. Jahrhundert die Welt und hatte erhebliche Auswirkungen auf die weiteren Zeitläufte. Denn das Fegefeuer – das niemand jemals gesehen hatte und deshalb mit Fug als rein sprachliches Konstrukt bezeichnet werden kann – führte dazu, dass die Menschen immer häufiger insbesondere den Klöstern ihr Vermögen schenkten. Dahinter stand die Hoffnung, schon im Diesseits die eine oder andere Schuld vom eigenen Sündenkonto abtragen und so den Aufenthalt im Jenseits ein wenig freundlicher gestalten zu können. Die Klöster nahmen diese Gaben gerne an und investierten sie – in die Bildung. Denn der wachsende Reichtum versetzte die Klöster als die traditionellen Hüter des Wissens in die Lage, die vorhandene Bildungsgüter auszutauschen und vor allem zu vermehren. Scholastiker wie der hochgerühmte Abaelard begannen zu disputieren, was das Zeugs hielt, und die Schriften des Aristoteles erfuhren eine breite Rezeption. Das war der Grund, warum das 12. Jahrhundert eine nie zuvor dagewesene Blüte der Wissenschaften erlebte. Diese erste, die mittelalterliche Renaissance war geboren, deren weitere Folge war, dass dieses Wissen über die dicken Mauern des Klosterwesens hinwegschwappte und sich in die bürgerliche Welt der Städte ergoss.

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Damit war das Feld bereitet für einen wie Marco Polo. Denn seine Berichte, die er nach seiner Rückkehr im Jahre 1295 über das ferne China verfasste, trafen auf ein reges Interesse jener Schichten, die zu schreiben und zu lesen gelernt hatten. Und so führte sich der venezianische Kaufmannsohns auch gleich mit großem Pomp ein: „17 Jahre lang im Reiche Kublai Khans und meistens auf Gesandschaftsreisen während dieser ganzen Zeit. Meine Sonderstellung am Hof ist der Grund, warum ich, Marco Polo, über den großen Tartarenkaiser mehr zu berichten weiß als irgendjemand sonst. Ihr alle, die ihr von den mannigfachen Völkern des Menschengeschlechts hören wollt – seid sicher, dass mein Bericht nur wahre und zuverlässige Angaben enthält. Man muss wissen, dass seit der Erschaffung Adams bis auf den heutigen Tag kein Mensch jemals so gewaltige Dinge gesehen hat wie ich, Messer Marco, aus Venedig“. Das war natürlich starker Tobak. Denn die Menschen hatten ja seit Erschaffung Adams bereits etwas viel Gewaltigeres gesehen: nämlich Gott höchstpersönlich mitsamt seinen Machttaten. Insofern stellen die Ausführungen Polos eine unübersehbare Chuzpe dar. In jedem Fall war ein Ton gesetzt, der nicht nur auf positive Resonanz stieß. Bereits Zeitgenossen sahen in Marco Polo einen Aufschneider, der sich mit allzu fantastischen Geschichten wichtig zu machen versuchte. Das Motto: „Kublai Khan und ich“.

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Tatsächlich ist bis heute nicht klar, was man von den Texten halten soll. Denn vieles daran ist unsicher. Einige Dinge, die dem staunenden Jüngling nicht entgangen sein dürften, finden keine Erwähnung. Die chinesische Mauer kommt in den Texten ebenso wenig vor wie der Blockdruck, der erst im 14. Jahrhundert nach Europa kam, bevor er vom Druckverfahren Gutenbergs abgelöst wurde. Auch über die für einen Europäer ungewohnten Schriftzeichen, die Gewohnheit des Teetrinkens, die besondere Kriegstaktik der Mongolen oder das Schießpulver verliert er kein Sterbenswörtchen. Dafür tummeln sich dort gar seltsamen Wesen: Menschen mit einem Einhorn auf der Stirn, mit einem weiteren Gesicht auf der Brust, mit nur einem natürlich gewachsenen Bein und viele weitere Freaks mehr. Zugleich kommt Marco Polo – der immerhin ein enger Vertrauter des mächtigen Kaisers gewesen und für drei Jahre als Gouverneur die Stadt Jiangsu regiert haben soll – in den amtlichen chinesischen Dokumenten nicht vor. Und auch die Darstellung der Umstände, unter denen die Berichte entstanden sein sollen, scheint eher einem Ritterroman verpflichtet als der Wahrheit. Danach habe Marco Polo den Schriftsteller Rustichello da Pisa kennen gelernt, während er im Knast saß. Diesem habe er seine Geschichten in den Federkiel diktiert. Im Zuge der Niederschrift nun hat dieser Rustichello – kein Witz – Text-Passagen genutzt, die er bereits in seinen anderen Werken verwendet hatte. Ein Kopist seiner selbst.

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So märchenhaft diese Erzählungen auch waren, so sehr haben sie die Zeitgenossen Polos und die Leser vieler nachfolgender Generationen fasziniert. Und es waren vor allem die Schilderungen über die enormen Reichtümer des Mongolenreiches und ganz Asiens, die einen Menschen ganz besonders elektrisiert hatten: Christoph Columbus. So las er über die indische Insel Cipangu – Marco Polo ist auf seiner Rückreise nach Europa dort vorbeigekommen – gar zauberhafte Dinge: „Hier gibt es Gold in großer Menge, aber der König erlaubt nicht, dass es von der Insel ausgeführt wird (…). Der König der Insel hat einen großen Palast, der ganz aus reinem Gold gedeckt ist, so wie bei uns die Kirchen mit Blei gedeckt werden. Die Fenster des Palastes sind ganz mit Gold verkleidet. Die Fußböden der Säle und der zahlreichen Räume sind mit Goldplatten belegt, und diese Goldplatten sind mehr als zwei Finger dick. Es gibt hier auch Perlen in riesiger Menge: sie sind rund und groß, und jene von rubinroter Farbe gelten als wertvoller und werden mehr geschätzt als die weißen. Es gibt hier auch viele Edelsteine, und deswegen ist die Insel Cipangu wahrhaft unermeßlich reich“. Es waren gerade diese Passagen, die Christoph Columbus besonders elektrisierten. Und so kritzelte der angehende Weltreisende gerade an den Rändern der Seiten, die Indien betrafen, seine Anmerkungen, die alle den gleichen Tenor hatten: „Da gibt’s ja ordentlich was zu holen“.

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Also machte sich Kolumbus mit großem Eifer an die Planungen. Hierbei stützte er sich auf Quellen, die mindestens so unsicher waren wie die des Marco Polo. So hielt er die Aussage des Aristoteles für bare Münze, dass eine Seereise Richtung Westen von Gibraltar nach Asien innerhalb weniger Tage zu machen sei. Zudem vertraute er auf die Berechnungen des antiken griechischen Mathematikers Claudius Ptolemäus, der den Erdumfang auf rund 30.000 Kilometer taxierte. Daraus folgerte Kolumbus, dass die Westroute von Europa nach Asien nicht mehr als 4500 Kilometer betragen dürfte. Mit diesen Zahlen ging er auf der Suche nach Geldgebern, blitzte aber immer wieder ab, weil denen der Rechenfehler des Ptolemäus bekannt war, den wahrzunehmen sich aber Kolumbus weigerte. Denn auch auch weiterhin glaubte er fest und beharrlich seinen Berechnungen – bis er endlich den ersehnten Investor fand. Nun machte er sich auf den Weg und erreichte nach 2 Monate sein Ziel – zumindest glaubte er das. Obwohl er das erste Mal bei den Bahamas vor Anker ging und auch auf seinen weiteren drei Reisen nicht viel weiter kam, war er sich sicher, dass er Indien – sein gelobtes Land, wo Gold und Perlen fließen – gefunden hatte. Auch dass er auf kein Gold stieß, machte ihn nicht stutzig. Ja, er war so vernagelt in seine eigenen Fabeleien, dass er für ihn schuftende Sklaven erbarmungslos die Hand abhacken ließ, wenn sie bei ihren Schürfungen kein Gold fanden.

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Sie sehen: Die weltbewegende Entdeckung Amerikas gründete eigentlich ausschließlich auf sprachlichen Konstrukten. Die Fabel des Fegefeuers führt den mittelalterlichen Klöstern Reichtümer zu, die diese in die allgemeine Bildung steckten. Die Fabeln des gebildeten Marco Polo veranlassten den gebildeten Christoph Columbus, sich auf den Weg nach Indien zu machen. Bei seinen Planungen stützte er sich auf die Fabeln der alten Griechen Aristoteles und Ptolemäus. Das war der Grund, warum er Indien nie erreichte, aber vollkommen davon überzeugt war und es auch blieb, genau das geschafft zu haben. Eine fixe Idee, die dazu führte, dass er die Einwohner des neu entdeckten Kontinents Indianer nannte. Und so werden sie bis heute so genannt.

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Wie sagte doch die amerikanische Schriftstellerin Muriel Rukeyser: „Das Universum ist aus Geschichten gemacht, nicht aus Atomen.“ Recht hat sie.