Wie Texter von Märchen und Sagen profitieren

Wie Texter von Märchen und Sagen profitieren

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Für einen Texter sind Münster und das Münsterland der ideale Nährboden. Denn unsere Region ist so übervoll an Märchen, Sagen und Legenden, dass es nur so eine Art ist. Ich möchte Ihnen hier drei vorstellen:

  • Grinken-Schmidt ist ein Altenberger Bursche, der vor Kraft kaum laufen kann. Immer, wenn eine Hochzeit anstand, lieh man sich einen Bratenspieß von dem hünenhaften Menschen – denn Grinken-Schmidt war der einzige Schmied der Gegend und damit der Einzige, der über Bratenspieße verfügte. Logisch. Als Entlohnung bekam er regelmäßig einen Braten (auf gut plattdeutsch: Broden). Dieses System funktionierte auch immer ganz hervorragend. Bis auf einmal. Da brachte ein Pferdeknecht den Spieß ohne den versprochenen Gaumenschmaus zurück (den hatte er sich unterwegs selbst einverleibt) und ritt von dannen. Grinken-Schmidt – nicht faul – rannte hinterher, holte Knecht wie Pferd ein und riss dem Zossen eine Hinterhand mitsamt Batzen aus dem Leibe. Dieses saftige Hinterstück nun – „dat was Grinken-Schmidt sien Broden“, oder auf Hochdeutsch: „das war Grinken-Schmidts Braten“.
  • Sie sehen: Münster und Münsterland ist die Heimat von recht rustikalen Naturen. Genau aus diesem Grunde war die Einführung des Christentums in unseren Breiten so dringend erforderlich, weil es unsere geradezu sprichwörtliche Urwüchsigkeit zu kanalisieren wusste. So berichtet die Legende, dass der heilige Liudger, der erste Bischof von Münster, eines Tages im Kirchspiel Billerbeck an einem Bauernhaus vorbeikam. Der Bauer klagte, dass die Gänse alles, was sein Land hergebe, wegfräßen. Liudger, um keine Lösung verlegen, lotste die Gänse in den Stall, drohte ihnen mit erhobenen Zeigefinger und sagt in bestimmenden Tonfall: „Dat ji mi nu nich wier beruht gaohet!“ (was soviel bedeutet wie: „Dass Ihr mir ja nicht wieder herausgeht!“). Seitdem soll man in Billerbeck nie wieder etwas von einer Gänseplage gehört haben.
  • Der Beweise für Gottes Wirken in unserem Winkel sind also genug. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die offenkundig daran zweifeln, wie die Geschichte von Amtmann Timphot zeigt. Er hatte immer einen grünseidenen Rock an, eine lange weiße Perücke sowie einen großen dreieckigen Hut, einen Timphot, auf. Auf Scholastikas Tag, einem Feiertag zum Lobe der heiligen Scholastika von Nursia, trug es sich zu, dass Amtmann Timphot vom Glockenläuten völlig entnervt war, weil es ihn bei seiner Arbeit störte. Er bestieg seine prächtige Kutsche, fuhr zur Kirche und rief: „Scholastika, Scholastika, ick wull dat die der Düwel höll!“ („Scholastika, Scholastika, dich soll der Teufel holen!“). Kaum gesagt, kamen zwei Teufel durch die Luft, und die Kutsche mitsamt Amtmann Timphot versank im Boden.

Das sind jedoch nur drei Beispiele für die merkwürdigsten Gestalten, die sich in unserem Landstrich tummeln. Und gerne gibt man unserer Nationaldichterin Annette von Droste-Hülshoff recht, die einmal feststellte, dass Münster und das Münsterland mit diesen Phantasien und Gesichten „wie mit einem Flor überzogen“ ist. Ein Texter nun, der sich um Leselust und Verständlichkeit bemühen möchte, tut gut daran, auch an diesen Texten Maß zu nehmen.

Übrigens: Gerne lege ich Ihnen mein Buch ans Herz, das unter dem Titel: „Querschädel, Regenlöcher, Schlodderkappes – Wie das Münsterland wirklich ist“ käuflich zu erwerben ist – zum Beispiel hier.