Das Klopapier des Simplicissimus

Das Klopapier des Simplicissimus

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Der Barock-Dichter Grimmelshausen hat es mit seiner Roman-Figur Simplicius Simplicissimus wahrlich nicht gut gemeint: Er hat ihn durch alle Höhen und Tiefen getrieben, die einem der Dreißigjährige Krieg bereiten konnte. Unser Held wurde reich und verlor alles, er entkam der Gefangenschaft und geriet wieder hinein, er erlebte vollendetes Liebesglück, das bald zerrann – ein ewiges Auf und Ab des Lebens. So nimmt es auch nicht wunder, dass er gegen Ende seiner abenteuerlichen Reise durch die Zeitläufte eine steinerne Statue auf dem Boden eines Waldes liegen sah, die sich in dem Moment, in dem er sie berührte, zu regen begann und etwas entnervt sprach: „Lasse mich mit Frieden, ich bin Baldanders“. Ein seltsamer Name, fürwahr. Doch Simplex begriff die Bedeutung auf Anhieb: „Ich sehe wohl, daß du bald anders bist; denn erst warest du ein toter Stein, jetzt aber bist du ein beweglicher Leib“. Und so gelangen beide in ein Pläuschchen, in dem sich Baldanders als eine männliche Version der Schicksalsgöttin Fortuna outet. Er sei es gewesen, der unseren Simplex „mehr als ander Leut bald groß bald klein, bald reich bald arm, bald hoch bald nieder, bald lustig bald traurig, bald bös bald gut und in Summa bald so und bald anders gemacht“ habe. Es verhält sich wie mit dem unentwegten Drehen des mächtigen Schicksalsrades: „Fortunas Rad, es dreht sich um, mich Fallenden reisst’s nieder; andere trägt es wieder rauf“.

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Doch Baldanders ist mehr als eine Allegorie auf die Wechselhaftigkeit des Lebens. Er wird zur Chiffre für die Anschauungsformen, mit denen wir in die Welt blicken. Zu Beginn dieser Episode ist Simplicissimus allein – und ganz für sich in seinem Kopf: Er „spazierte einsmals im Wald herum meinen eitelen Gedanken Gehör zu geben“. In dem Moment trifft er auf die Statue, der in sich widersprüchlicher nicht geschildert werden kann: Er hat die Anmutung eines „alten teutschen Helden“, eine „altfränkische Tracht von romanischer Soldatenkleidung“ an, die vorne einen „Schwabenlatz“ aufweist. Am Ende kommt ihm der Stein wie ein heidnischer „Abgott“ vor. Und auch nachdem Baldanders zum Leben erwacht ist, wechselt er seine Erscheinung wie andere ihre Socken: So „ward er zu einem großen Eichbaum, bald darauf zu einer Sau, geschwind zu einer Bratwurst und unversehens zu einem großen Baurendreck (mit Gunst); er machte sich zu einem schönen Kleewasen und, eh ich mich versahe, zu einem Kühfladen, item zu einer schönen Blume oder Zweig, zu einem Maulbeerbaum und darauf in einem schönen seidenen Teppich etc., bis er sich endlich wieder in menschliche Gestalten veränderte“. Baldanders lässt keinen Zweifel daran, dass diese Veränderungen nicht er selbst bewirkt, sondern sein Gegenüber. Denn auf die Frage unseres Simplex, ob Baldanders der Teufel oder seine Mutter sei, antwortet dieser: „Nein … ich bin deren keins, sondern Baldanders, maßen du mich selbst so genannt und dafür erkannt hast.“  Noch einmal zum Mitschreiben: Baldanders verändert sich allein deshalb, weil Simplicissimus ihn so genannt und dafür erkannt hat. Will sagen: Die Metamorphosen des Baldanders geschehen nicht aus seiner eigenen Motivation und Gesetzmäßigkeit heraus. Im Gegenteil: Es ist Simplicissimus – der Betrachter! -, der die Veränderlichkeit dessen bewirkt, was er betrachtet.

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Diesen Sachverhalt macht auch ein Gespräch deutlich, das sich – im unmittelbaren Anschluss an die Baldanders-Episode – auf einem stillen Örtchen zwischen Simplicissimus und seinem Toilettenpapier entspann. Ja, richtig gelesen. Das eigene schmähliche Ende vor Augen, drängt es den sprechenden Hygieneartikel dazu, sein Leben vom freien Hanf-Gewächs bis zum gebrauchsfertigen Fabrikat für den menschlichen Abort zu erzählen. Bereits der Beginn der Geschichte enthält den Kern der gesamten Episode: „Meine Voreltern“, so die vormalige Hanfpflanze und das jetzige Klopapier, „wurden nach dem Zeugnis des Plinius, Buch 20, Kapitel 23, zuerst in einem Wald gefunden, wo sie auf eigenem Grund und Boden in ursprünglicher Freiheit wohnten und ihr Geschlecht vermehrten. Als wildes Gewächs wurden sie in die Dienste der Menschheit gezwungen und allesamt Hanf genannt.“ Bereits dieser Anfang beschreibt das Baldanders-Prinzip sehr präzise. Der Mensch verwandelt die Wild- in eine Nutzpflanze und belegt sie mit einem Namen. Er hat sie – wie Simplex den Baldanders – als Hanf „so genannt und dafür erkannt“. Das ist wirklich scharf beobachtet. Die Entdeckung der Pflanze, ihre Benennung und ihre Nutzbarmachung hängen auf das Engste miteinander zusammen. Damit wird Sprache – die Belegung eines Objekts mit einem Begriff – zu einem wesentlichen Element der Ding- und Weltaneignung. Indem der Mensch einem Ding einen Namen gibt, macht er sich dieses Ding verfügbar und untertan.

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Der neue Shooting-Star der Sachbuch-Literatur, Yuval Noah Harari, kommt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ zu einem ähnlichen Befund. Viele Kulturen hatten bereits vor den Forschungsreisen eines Kolumbus Weltkarten erstellt. Obwohl weite Teile der Erde zu dieser Zeit noch nicht – oder nur vom Hörensagen – bekannt waren, verblüffen die Karten auch den heutigen Betrachter mit einer irritierenden Geschlossenheit. Der Trick hierbei: Die Kartenmacher stellten die bekannten Regionen so leidlich genau, wie es ihnen eben möglich war, dar und füllten die unbekannten Stellen mit Wesen aus Mythologie oder Religion. Dieses Vorgehen änderte sich gründlich durch die wissenschaftliche Revolution und die damit verbundene Vermessung der Welt. Die Jünger der neuen Zeit entrümpelten die Karten von allen Mythologemen, entwickelten Darstellungen mit immer höherer Detailschärfe und ließen all die Bereiche weiß, über die sie nichts zu sagen wussten. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Es waren gerade diese weißen Flecken, die den Menschen wie magisch anzogen. Sobald er in diese Zonen eindrang, entdeckte er neue Phänomene, klassifizierte sie, belegte sie mit Namen und legte so die Grundlage für ihre Nutzbarmachung. Erforschen und Erobern sind – so Harari – zwei Seiten einer Medaille.

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Zurück zu unserem Wildgewächs. Die Kategorisierung als „Hanf“ ist nur der Beginn einer Leidensgeschichte, die die Hanfpflanze unserem Simplex bis zum bitteren Ende erzählt: Zunächst dient sie der Bierherstellung, für die sie gewässert und gepresst wird. Nachdem sie hier ihren Dienst getan hat, wird sie geröstet, zerstoßen, gebleicht und gehechelt. Die so gewonnenen Fasern verarbeitet der Mensch hernach zu Zwirn, der wiederum zur Herstellung von Leinen dient. Daraus schneidert er sodann Kleidung, im Falle unserer Pflanze ein Hemd. Da sich dieses mit der Zeit aufträgt, folgen die weiteren Daseinsformen als Windeln und Putzlumpen, bevor diese zerschnitten und zerfetzt werden, um sie für die Papierherstellung nutzbar zu machen. Bald darauf sieht sich die ehemalige Hanfpflanze zum Notizbuch gebunden, das sich – sobald es vollgeschrieben ist und damit erneut seine Funktion verloren hat – die Verwandlung in Packpapier erfährt, das – ebenfalls nach seiner Nutzung – zu nichts anderem mehr als zu Klopapier zu gebrauchen ist, das seinen letzten Dienst für die Menschheit tut, bevor es auf Nimmerwiedersehen in den Orkus der allzumenschlichen Bedürfnisse verschwindet. Damit ist der Weg beschrieben, auf dem das Klopapier zu unserem Helden Simplicissimus gefunden hat.

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Eine wahrhaft traurige Geschichte des kontinuierlichen Abstiegs. Eine Geschichte aber auch, die eindrucksvoll beschreibt, dass sich die Dinge nicht aus sich heraus verändern, sondern allein durch die Zwecke, die wir in die Dinge hineinlegen. Eine Wildpflanze ist nicht einfach eine Wildpflanze, sondern der Rohstoff für Zwirn. Ein altes Hemd ist kein altes Hemd, sondern der Rohstoff für Windeln. Altes Packpapier ist nicht altes Packpapier, sondern der Rohstoff für Klopapier. Wir handeln nach dem Baldanders-Prinzip: Wir sind die Betrachter, die die Veränderlichkeit dessen bewirken, was wir betrachten. Wir projizieren in die Dinge einen Nutzen und verändern sie dadurch. Friedrich Nietzsche stellt diesen Sachverhalt anhand der Unterscheidung zwischen Ursache und Zweck dar. Er stellt fest, dass „die Ursache der Entstehung eines Dings und dessen schließliche Nützlichkeit, dessen thatsächliche Verwendung und Einordnung in ein System von Zwecken toto coelo auseinander liegen; dass etwas Vorhandenes, irgendwie Zu-Stande-Gekommenes immer wieder von einer ihm überlegenen Macht auf neue Ansichten ausgelegt, neu in Beschlag genommen, zu einem neuen Nutzen umgebildet und umgerichtet wird; dass alles Geschehen in der organischen Welt … ein Neu-Interpretieren, ein Zurechtmachen ist, bei dem der bisherige »Sinn« und »Zweck« nothwendig verdunkelt oder ganz ausgelöscht werden muss.“ Genau das schildert die Klopapier-Episode.

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Neben der Objekterkennung (siehe den letzten Post) beruht also auch der Gebrauch der Objekte auf einer menschlichen Konstruktion. Wie wir den Dingen kraft unserer Sinnesorgane Farben (oder Gerüche, Geschmacksnoten etc) zuweisen, weisen wir ihnen mit Hilfe unterbewusster Steuerungssysteme auch Zwecke zu. So verändern wir sie. Das ist kein moralischer Vorwurf. Im Rahmen der Evolution wurden wir in die Lage versetzt, einzelne Objekte wahrzunehmen. Dies sicherlich nicht, um an ihnen Wohlgefallen zu haben, sondern um uns ihrer zu bedienen und sie in unsere Zwecke einzuspannen.